ROLF SELLIN

Hochsensibel

Ein kleiner Zettel für den Fall der Fälle

Sellin-PorträtManchmal haben wir uns damals als Schüler an einem klitzekleinen Zettel festgehalten. Bei uns im Norden nannten wir ihn Schummelzettel, im Süden heißt er Spickzettel. Manchmal war er sogar ganz papierlos: ein paar Formeln vor der Mathearbeit in die Handfläche geschrieben. Übrigens wurde er manchmal nicht einmal benutzt, er gab dem Schüler trotzdem ein Gefühl der Sicherheit, falls er vor lauter Prüfungsangst einmal vergessen haben sollte, was er zuvor gelernt hatte. Im Grunde war der Spickzettel sogar so etwas wie eine Form von Selbstvergewisserung zur Stressprophylaxe.

Geht es Ihnen auch so, dass Sie manchmal vergessen haben, was Sie alles wissen? Ich meine nicht mathematische Formeln oder schwierige Vokabeln. Ich meine, was Sie alles gelernt haben oder selbst erkannt und sich erarbeitet haben, und das Ihnen in Notfällen, in Krisen oder bei Stress helfen könnte, wenn Sie es tatsächlich brauchen. Denn zum Beispiel im Stress fallen Ihnen ausgerechnet alle die schönen Methoden zum Stressabbau nicht ein, weil Ihr Gehirn dann anders arbeitet als im Normalzustand! Erst später, wenn der Stress vorbei ist, wissen Sie es wieder, womit Sie Ihre Situation hätten verbessern können.

Wie wäre es damit, sich einen Spickzettel zu schreiben, auf dem all die hilfreichen Methoden kurz und stichwortartig erwähnt werden. Vielleicht brauchen Sie das kleine Stück Papier sogar in dreifacher Ausfertigung: einen für die Schreibtischschublade mit den persönlichen Habseligkeiten am Arbeitsplatz, noch einen für den Medizinschrank mit den Kopfschmerztabletten und einen dritten für das Fach, in dem Sie die Schokolade oder den Cognac für die besonderen Situationen des Lebens deponieren. Dann hätten Sie nicht nur wirksame Methoden parat, sondern zu Pillen, Kalorien oder Promille obendrein noch eine Alternative!

Und noch etwas: So ein Zettel wird mit der Zeit sogar immer wertvoller. Er erinnert Sie auch daran, mit welchen Methoden Sie sich in welchen heiklen Situationen schon einmal selbst wirksam geholfen haben.

 

 

Von uns auf andere schließen

Sellin-PorträtUnd wie wir uns damit selbst täuschen und verletzen

Davon können viele Hochsensible berichten: Häufig waren wir für Freunde da, als es ihnen nicht so gut ging. Wir hörten lange zu, stellten hilfreiche Fragen, wussten Rat und fanden die passenden Worte, um sie wieder aufzubauen. Doch als wir selbst einmal Rückhalt gebraucht hätten, griffen wir gerade bei den Freunden ins Leere, denen wir so viel Beistand geleistet hatten. Sie vermochten uns nicht geduldig zuzuhören, so wie wir ihnen zugehört hatten, sie konnten uns nicht einmal verstehen oder missverstanden uns so sehr, dass es uns verletzte. War die Situation an sich schon schwer genug für uns, so fügte uns die Erkenntnis, auch bei Freunden keinen Rückhalt zu finden, obendrein weiteren Schmerz zu.

Wie auf unsere Enttäuschung reagieren?

Wie geht man mit Freunden um, deren Reaktion uns enttäuscht hat? Kontaktabbruch verbietet sich von selbst. Nicht nur, dass Kontaktabbrüche unsere soziale Welt immer enger werden ließen und wir am Ende vielleicht ganz allein zurückblieben. Wichtiger ist, dass Kontaktabbrüche überhaupt nicht funktionieren! Wer einmal Teil unserer sozialen Verhältnisse war und mit unseren Erinnerungen verbunden ist, der bleibt auch weiterhin Teil unseres inneren Systems, wir können ihn nicht mit Absicht daraus löschen und vielleicht sogar vergessen. Wir bleiben also seelisch im Kontakt mit ihm, ob wir es wollen oder nicht, und durch den Schmerz vielleicht sogar noch intensiver. Möglich sind nur graduelle Veränderungen im Verhältnis. Zu dieser Person grenzen wir uns ein wenig stärker ab, wahren zu unserem Schutz etwas mehr Abstand. Vielleicht ist der Freund nun zu einem „alten Freund“ geworden, doch der Kontakt bleibt erhalten.

Eine falsche Annahme hat uns blind gemacht

Doch weiten wir unsere Wahrnehmung! Hinter der Täuschung steckte keine Absicht des anderen, er hat uns nicht täuschen wollen. Wir haben uns selbst getäuscht: Wir haben als Hochsensible von unserem Wesen auf das weniger sensibler Mitmenschen geschlossen. Wir nahmen an, sie wären ganz so wie wir. Doch wozu wir fähig sind, dazu sind es die anderen noch lange nicht und vor allem nicht in der erwünschten Intensität und Tiefe. Sie können nicht so gut zuhören wie wir, sie können sich in unsere Lage vielleicht nicht einmal hineinversetzen, sie finden nicht die passenden Gesten und Worte, sie wissen meist auch nicht die verändernden Fragen zu stellen. Sie denken sogar ein wenig anders. Deshalb haben sie uns vielleicht missverstanden und unsere Situation verkannt. Wie sollten sie da in der Lage sein, uns Auswege und Lösungen aufzuzeigen?

Dass sie sich dabei hilflos und überfordert fühlten, so dass sie uns lieber ausgewichen wären, ist also nachvollziehbar. Wäre es denn nicht an uns gewesen, all das zu erkennen? Schließlich sind wir den weniger Sensiblen auf dem Feld des Wahrnehmens und Verstehens überlegen. Doch was nützt uns die Begabung zur differenzierten Wahrnehmung, wenn wir selbst stillschweigend von den allgemein verbreiteten falschen Vorannahmen ausgehen, zum Beispiel von der, dass alle Menschen in gleichem Maße sensibel und begabt seien? Dann schränkt diese Vorstellung unsere Wahrnehmung ein und führt zur Selbsttäuschung und Enttäuschung.

Die Qualitäten der anderen sehen

Menschen, denen unsere Fähigkeiten fehlen, haben meist andere Stärken. Wäre es nicht sinnvoll, unsere hochsensible Wahrnehmung dafür einzusetzen, das zu erkennen und anzuerkennen? Oft sind weniger Sensible begabter, wenn es zum Beispiel darum geht, konkret zu werden und Aufgaben ganz praktisch anzugehen und auch durchzuziehen. Wenn wir ohne hinzuschauen von uns auf andere schließen, führt das nicht nur zu Enttäuschungen für uns und zu Missverständnissen, wir tun den anderen im Grunde unrecht, weil wir sie verkennen! Dann hat sich durch die eingeschränkte Wahrnehmung unsere Hochsensibilität in ihr Gegenteil verkehrt, so dass eigentlich wir es sind, die andere verletzen.

Zu sich stehen und wie das tatsächlich geht

Immer wieder haben mir andere Hochsensible von ähnlichen Enttäuschungen berichtet. Vertieft haben sie ihren Schmerz dadurch, dass sie selbst nicht in der Lage waren, ihre Fähigkeit, andere mit Verständnis und Rat zu unterstützen und aufzubauen, ihrer eigenen Person gegenüber anzuwenden. Sie vermochten es nicht, sich selbst zu helfen. So standen sie da, allein und ohne Rückhalt von anderen und mehr noch: sogar von sich selbst verlassen, und das ausgerechnet in einer Situation, in der sie Unterstützung am dringendsten gebraucht hätten. Früher ging es mir auch oft so. Deshalb habe ich – zunächst für mich – Methoden entwickelt, mit denen ich mir selbst spürbaren Rückhalt, Verständnis und Rat geben kann. In meinem Buch „Ins Herz getroffen. Selbsthilfe bei seelischen Verletzungen“ finden Sie unter anderem diese Methoden, mit denen Sie Ihre Begabung, anderen eine Stütze zu sein, endlich auch für sich selbst ganz konkret anwenden können.

 

 

Hochsensible motivieren

Sellin-PorträtNoch mehr Motivation?

Manchmal erweisen Therapeuten und Coaches Hochsensiblen einen Bärendienst, wenn sie keine Ahnung davon haben, wie es in der Seele eines Hochsensiblen aussieht. Die Wirkungen von Sitzungen können dann nach hinten losgehen und Schaden anrichten – und das passiert gar nicht so selten. Gewöhnlich ist ihr Bemühen darauf ausgerichtet, die Motivation des Klienten zu stärken. Hochsensible reagieren darauf jedoch anders. Bei ihnen kann ein Mehr an Motivation, vor allem wenn es von anderen kommt, zur genau gegenteiligen Wirkung kommen, zum Blockieren, zum Resignieren oder gar zum Aufgeben.

Hochsensible sind von ihrem Wesen her bereits hoch motiviert. Wie in meinen beiden Büchern zur Hochsensibilität dargestellt („Wenn die Haut zu dünn ist…“ und „Mein Kind ist hochsensibel…“), stehen Hochsensible tendenziell in einem inneren Konflikt: Auf der einen Seite neigen sie dazu, sich zu überfordern durch ihr intensives Verlangen, mit allem was sie tun, Vollkommenheit erreichen zu wollen. Auf der anderen Seite steht nach dem Erleben, dass sie sich übernommen haben, und dem meist zwangsläufigen Scheitern ihres Strebens die Tendenz zur Unterforderung, die bei dem einen verbunden mit dem Wunsch, sich zu schonen, bei einem anderen mit Resignation und Lustlosigkeit, bei manchen vielleicht sogar verbunden mit Symptomen, zum Beispiel mit der Wiederkehr chronischer Beschwerden. Der Coach, der sich mit den Hochsensiblen nicht kompetent auskennt, treibt durch sein verfehltes zusätzliches Motivieren seinen Klienten geradewegs in den Absturz vom gutwilligen Streben in irgendeine Form von „Jetzt geht gar nichts mehr“. Dass ein Hochsensibler dann dennoch versucht, Leistungen gegen einen Widerstand zu erbringen, macht es noch anstrengender für ihn, der Energieaufwand kann erheblich sein, umso tiefer der Absturz. Erst wer seinen inneren Konflikt durchschaut, kann durch bewusstes Regulieren vermeiden, dass er sich durch ein Zuviel selbst so tief in die Phase der Unterforderung und Resignation manövriert.

Hochsensible Schüler als Opfer verfehlter Bemühungen von Schule und Elternhaus

Genauso ergeht es vielen hochsensiblen Schülern. Sie sind von ihrem Wesen her besonders willig, auch sie streben in aller Bescheidenheit Vollkommenheit an. Auch bei ihnen ist es genau das zusätzliche Motivieren, das dazu führen kann, dass ein auftretender Leistungsabfall, der meist selbst Folge von einem Zuviel an eigener Motivation oder äußerem Motivieren ist, noch weiter verstärkt wird, so dass es in der Folge zu Lernblockaden kommen kann. Tragisch ist, dass Eltern und Lehrern und leider auch manchen Psychologen gewöhnlich nichts Besseres einfällt, als darauf mit weiterem Antreiben und noch ernsterem Motivieren zu antworten. Ein Teufelskreis beginnt, verbunden mit dauerhaften Lernstörungen, mit Energiemangel und einem Leiden an der Schule. Im Extremfall kann die völlige Leistungsverweigerung des Schülers das Resultat sein.

 

Was ein Hochsensibler nicht ist

Sellin-PorträtAntwort 1 – Über die Grenzen kommen

Die Antwort auf die Frage einer Leserin, was ein Hochsensibler denn nicht sei, ist vertrackter als es auf den ersten Moment scheint. Hochsensible, könnte man denken, sind all das nicht: zum Beispiel unsensibel, hart und rücksichtslos, brutal und kalt – kurz was man mit dem Begriff Hochsensibilität nicht in Verbindung bringt und was ein Hochsensibler mit Sicherheit auch nicht sein möchte. Doch ein Hochsensibler kann auch all das sein und noch viel mehr. Es gibt eigentlich keine Eigenschaft, die er nicht auch haben, und kein Verhalten, das er nicht auch an den Tag legen könnte.
Wahrnehmungsfähigkeit ist nur ein Kriterium von vielen, unter denen man Menschen betrachten kann. Hochsensibilität ist nur deshalb plötzlich so wichtig geworden und in ein breiteres öffentliches Interesse gerückt, weil sie sich bei der zunehmenden Reizüberflutung schnell von einem Überlebensvorteil in ein Handikap entwickeln kann. Wir Hochsensiblen müssen erst noch lernen, unter diesen verschärften Bedingungen mit unserer Wahrnehmung angemessen umzugehen. Die meisten von uns sind dazu noch nicht in der Lage. Und so kann es allzu leicht passieren, dass ein überreizter Hochsensibler sich eben nicht hochsensibel verhält.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob ein Hochsensibler als Kind so sein durfte wie er ist oder ob er den Satz „Sei doch nicht so sensibel!“ zu hören bekam. Die meisten von uns haben eben daraufhin gewissermaßen einen Knoten in ihre Wahrnehmung gemacht. Genau damit nahm ihre problematische Entwicklung ihren Ausgang. Ich habe sie beobachtet, erkannt und erstmals beschrieben in meinem Buch „Wenn die Haut zu dünn ist. Hochsensibilität – vom Manko zum Plus“. Die drastischen Folgen: Verlust der Wahrnehmung des eigenen Körpers, der erst dann gespürt wird, wenn es zu spät ist und er sich nur noch störend zum Beispiel mit Schmerzen und Symptomen bemerkbar macht, die Unterschätzung oder Überschätzung der eigenen Kraft, der ständige Energieverlust durch dauernde Orientierung an anderen, die Missachtung der eigenen Grenzen, die zur Selbstüberforderung führt und weiter darüber hinaus in die Schonhaltung, deren Folge dann wiederum die Überforderung ist… Ebenso das zu späte Bemerken von Grenzverletzungen durch andere mit der Konsequenz ständiger Konflikte oder der Resignation im Rückzug. Die Wirkung dieser verfehlten Anpassung geht sogar noch weiter, bis hinein ins endlose und folgenlose Denken, in die Unfähigkeit, sich zu entscheiden, und in das zu späte Einnehmen der eigenen Position im Leben. Nicht zu vergessen die Verunsicherung des Selbstwerts dadurch, dass die eigene Person gewissermaßen durch die Augen des jeweiligen Gegenübers wahrgenommen wird.
Immer wenn ein Hochsensibler, der sich so angepasst hat, seine zuvor nicht wahrgenommenen Grenzen weit überschritten hat oder wenn die Balance zwischen Geben und Nehmen allzu sehr ins Ungleichgewicht gekommen ist, gerät sein sonst so sensibles Verhalten ins „Kippen“: Aus seiner Rücksicht wird plötzlich Rücksichtslosigkeit, aus seinem Verstehen von allen und allem wird dann bares Unverständnis, aus Nachsicht Intoleranz, aus Nachgiebigkeit unerwartete Härte.
So unsensibel wie ein überforderter und enttäuschter Hochsensibler, der weit über seine Grenze gekommen ist, kann sich selbst ein völlig unsensibler Mitmensch kaum verhalten!

Antwort 2 – Immer noch auf die Frage, was denn ein Hochsensibler nicht ist:

Immer wieder kommt es darauf an, wie ein Hochsensibler, der sich früh nach dem Satz „Sei nicht so sensibel!“ ausgerichtet hat, mit seiner Wesensart umgegangen ist. Wenn er auf sein Leben zurückblickt, wird er wahrscheinlich Phasen ganz gegensätzlicher Einstellungen sich selbst gegenüber erkennen können, längere und auch ganz kurze. Vielleicht wird ihm sogar ein Umschalten von einer Minute zur anderen auffallen, auch wenn er stets dieselbe Person war. Da war er auf einem Gebiet so hochsensibel wie er geschaffen ist, vielleicht wenn er mit Hund und Katze allein war, am Klavier saß oder ein Buch las. Kamen andere hinzu, reagierte er plötzlich wieder anders, oft so wie sie. Manchmal war er dann auch unsensibel – zum Beispiel im Beruf – oder gar raubeinig – vielleicht beim Sport. Bei dem einen oder anderen gab es sogar Momente, in denen er so übertrieben sensibel und überreizt reagiert hat, dass sein Verhalten anderen gegenüber ganz unsensibel war. Sehr oft hat sich die eigene Hochsensibilität so ausgewirkt, dass es ganz leicht fiel, sich an anderen auszurichten, an dem was bei ihnen gefragt und angesagt war und was nicht, sich ihnen anzugleichen und sich selbst dabei zu übergehen.

In unterschiedlichen Situationen anders sein und anders wahrnehmen

Wie entscheidend der soziale Zusammenhang die eigene Wahrnehmung eines Hochsensiblen beeinflussen kann, zeigt das Beispiel einer früheren Klientin: Wenn sie allein in ihrer Wohnung war, störte sie ein ganz leises eindringliches Pfeifen der Heizung. Sie rief den Hauswirt und einen Heizungsfachmann hinzu, doch in ihrer Gegenwart konnte auch sie so wie die beiden anderen den Pfeifton nicht hören. Als sie wieder allein war, hörte sie ihn jedoch genauso eindringlich wie zuvor. Bei einem erneuten Treffen mit Hauswirt und Installateur, glich sie sich ihnen wiederum so an, dass sie das feine Geräusch, das sie sonst bis in ihren Schlaf gestört hatte, abermals nicht hören konnte. Der Pfeifton stellte sich jedoch sogleich wieder ein, als sie allein zurückblieb.

Zugang zu so vielen Möglichkeiten

Das ist es ja gerade: Ein Hochsensibler kann nahezu alles „sein“ in unterschiedlichen Situationen, nacheinander und fast sogar zeitgleich. Er kann sich wie sonst kaum ein anderer Mensch in andere hineinversetzen, sie von innen heraus verstehen und sich ihnen angleichen. Viele Schauspieler sind Hochsensible, und viele Hochsensible Schauspieler, allerdings ohne es zu wissen. Und versuchen sie dann einmal umzuschalten auf „authentisch“, um ganz „sie selbst“ zu sein, dann sind sie allerdings immer noch nicht bei „sich“ angekommen, so wie sie es glauben. Sie leben damit auch nur wieder eine weitere Möglichkeit von sich. Wir sind immer wir selbst, ob es uns nun gefällt oder nicht. Dann wenn wir uns wie von selbst anpassen, ebenso wie in den Momenten, in denen wir uns innerlich dagegen auflehnen und uns plötzlich so besonders und angestrengt eigenwillig, fast widerborstig verhalten. Wenn wir uns ehrlich und vorbehaltlos wahrnehmen, können wir erkennen, dass wir Hochsensiblen über ein weites Feld an Möglichkeiten in uns tragen. Wir sind nicht das eine oder das andere, sondern beides und noch viel mehr.

Kaum Übergänge

Doch dabei fällt eines auf: Solange ein Hochsensibler, der sich nach dem Motto „Sei nicht so sensibel!“ angepasst hat, noch nicht gelernt hat, mit seiner Wahrnehmung bewusst umzugehen, verfügt er zwischen seinen so radikal unterschiedlichen Zuständen und Verhaltensweisen über keine Übergänge, nur über ein abruptes Umschalten von dem einen Pol zum anderen wie bei einem Kippschalter. Während jedoch das Zurückrutschen von dem angeblichen „authentisch Sein“ zum „Mitschwimmen“ kaum auffällt, wirkt das plötzliche Umschalten des Kippschalters von der geläufigen Angleichung auf Eigenständigkeit auf andere übertrieben und zickig, manchmal sogar verletzend. Erst der bewusste Umgang mit der Wahrnehmung und die Selbstregulation ermöglichen es, feine Übergänge zu schaffen.

Vom Kippschalter zum Dimmer

Durch das allmähliche Schaffen von Übergängen zwischen den extremen Positionen wird gewissermaßen der Kippschalter allmählich zum Dimmer erweitert. Zugleich entdeckt der Hochsensible, dass er es selbst in der Hand hat, auch die weiten Bereiche zwischen seinen Extremen zu nutzen und sich bewusst und ganz differenziert auf jede Situation einzustellen. War er zuvor bestimmt von den äußeren Reizen, auf die er nur reagiert hat, indem er von einem Extrem zum anderen hin- und hergependelt ist, so kann er nun differenziert die ganze Bandbreite dazwischen nutzen. – Auch wegen dieser Fülle seiner Möglichkeiten ist es nicht möglich, zu definieren was ein Hochsensibler nicht ist.

 

 

 

Wissenschaftlich oder Mode?

Sellin-Porträt

Eine nur scheinbar harmlose Frage

Ein Teilnehmer einer Ausbildung am HSP-Institut war in einem Gespräch mit Lehrerkollegen über die Hochsensibilität gefragt worden, ob es sich bei der Hochsensibilität um etwas Wissenschaftliches oder um eine Modeerscheinung handele. Er wusste nicht recht darauf zu antworten und wandte sich an mich. Die Frage an ihn klingt zunächst seriös, als wäre der Fragesteller um Erkenntnis bemüht, doch schauen wir genauer hin:

Entweder-oder-Fragen lassen sich entweder ganz einfach beantworten, zum Beispiel ob es regnet oder nicht. Auf kompliziertere Sachverhalte passen sie in der Regel nicht. Zudem gerät ein Befragter bei Entweder-oder-Fragen allzu leicht in den Stresszustand, denn das verkürzte Denken im Stress „funktioniert“ in genau diesem Modus: Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Freund oder Feind. Der Teilnehmer war darüber hinaus in ein Dilemma geraten. Auf der einen Seite weiß er, dass „die Wissenschaft“ die Hochsensibilität längst noch nicht in den Kanon der von ihr allgemein anerkannten Phänomene aufgenommen hat. Es fehlen noch viele Forschungen darüber. Auf der anderen Seite kann er sie nicht als Modethema ansehen. Das auf gar keinen Fall, dagegen sprechen seine eigene Lebensgeschichte und die Erleichterung, als er erfuhr, dass nicht nur er so „gestrickt“ ist, und die vielen schrittweisen Verbesserungen, die er durch die Anwendung meiner Methoden erreicht hat. Andererseits fragt er sich, ob nicht tatsächlich einige Leute daraus so etwas wie ein Modethema machen. Mit dem Versuch einer Beantwortung war der Teilnehmer dann beschäftigt und leider auch blockiert, so wie es jedem ergeht, der sich in einem Dilemma befindet. Je länger er darüber nachdenkt, desto tiefer verhakt er sich darin.

Zunächst ist es für einen so Befragten wichtig, überhaupt zu erkennen, dass er sich in einem Dilemma befindet. Das gelingt ihm durch bewusstes Wahrnehmen, dadurch dass er Abstand zur Situation gewinnt und den Blick weitet. Auf diese Weise löst er auch ein Dilemma auf. Mein Modell dafür habe ich in dem Buch „Mein Kind ist hochsensibel – was tun?“ dargestellt und an drei Beispielen erläutert.

Wer zurücktritt und auf die Frage blickt, entlarvt die Fragestellung als im höchsten Maße manipulativ. Sie suggeriert, dass es nur diese beiden Möglichkeiten gibt: Wissenschaft oder Mode. Anderes scheint demnach nicht möglich zu sein. Sind diese Gegensätze überhaupt zwingend? Handelt es sich überhaupt um passende Alternativen, wenn es um menschliche Belange und persönliche Wesensart geht?

Und können Wissenschaften nicht auch einmal in Mode kommen? Gibt es innerhalb der Wissenschaft nicht vielleicht auch so etwas wie Wellen der Popularität und ihres Verebbens? Sind wissenschaftliche Erkenntnisse denn nicht auch Zeitströmungen unterworfen? Und hat das denn nicht auch etwas Gutes, zum Beispiel die weite Verbreitung von Erkenntnissen? Ist das etwa zu verwerfen? Wird eine wissenschaftliche Wahrheit nicht auch oft durch eine weitere Forschung in Frage gestellt und vielleicht sogar durch eine neuere abgelöst, obwohl die alte eben noch geradezu dogmatisch als einzige wissenschaftliche Erkenntnis vertreten wurde? Gibt es überhaupt „die Wissenschaft“? Bestehen nicht in der Regel sich widersprechenden Lehrmeinungen nebeneinander? Und sind die Hochsensiblen in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht von dem deutschen Professor für Psychiatrie Ernst Kretschmer als „sensitive Reaktionstypen“ klar und deutlich beschrieben worden?

Die Fragestellung legt darüber hinaus eine unterschwellige Bewertung nahe, die ebenso manipulativ ist: Wissenschaft, wird als seriös betrachtet und damit als gut, sie beschäftigt sich mit der Suche nach Wahrheit, Mode hingegen ist wechselhaft und nicht ganz ernst zu nehmen, obwohl sie als Ausdruck von Zeitströmungen doch auch ihre Berechtigung hat. Leicht lässt sie sich abtun, mit der nächsten Frühjahrskollektion hat sie sich sowieso erledigt.

In der Tat kann – wie jedes andere Thema auch – die Hochsensibilität zu einem Modethema verhunzt werden. Die Flut von Büchern, die keine neuen Erkenntnisse darstellen und keine neuen Wege aufzeigen, mit der Wesensart konstruktiv umzugehen und offenbar nur der Selbstdarstellung und zur Akquise von Klienten dienen, lässt darauf schließen, dass es Autoren gibt, die eine aktuelle Welle für sich nutzen wollen. Für einen Hochsensiblen ist seine Anlage allerdings alles andere als Mode. Er kann darunter leiden oder lernen, daraus einen Lebensvorteil zu machen!

Stellen wir die Frage einmal anders: Welche Konsequenzen hat es für Hochsensible und ganz besonders für hochsensible Kinder, wenn sie weiter in die falschen Diagnoseschubladen der landläufigen Psychologie gesteckt werden? Für Erwachsene bedeutet das häufig das Verstricken in Probleme, nicht so zu sein wie die weniger sensible Mehrheit, und den Versuch, sich ihnen anzupassen, das Absolvieren von Therapien, die dann doch nicht greifen. Für Kinder hat es häufig die Konsequenz, fälschlich unter ADS/ADHS eingeordnet zu werden mit der oft damit verbundenen lebenslangen Einnahme von Psychopharmaka – Anpassungsdrogen.

Es ist also Zeit, dass die Wissenschaft sich weitaus intensiver mit dem Thema beschäftigt, auch wenn das zugleich eine Infragestellung der wissenschaftlichen Untersuchungspraxis darstellen würde: War man doch bisher davon ausgegangen, dass alle Menschen in Untersuchungen und Versuchen ganz ähnlich und damit austauschbar reagieren, so zeigen Hochsensible plötzlich, dass sie dabei aus der Reihe tanzen! Und das hätte gravierende Auswirkungen auf die Fragestellung und Durchführung der Forschung und würde einige Ergebnisse auch nachträglich in Frage stellen.

Immer wieder begegne ich Menschen, und sei es nur in Bewertungen bei Amazon, die in keiner Weise sensibel oder gar hochsensibel sind, von sich auf uns schließen und uns verordnen wollen, wie wir die Welt erleben sollen und wie nicht. Ich empfehle allen Hochsensiblen, nicht noch einmal auf diesen Anpassungsdruck, der von ihnen ausgeht, reinzufallen wie vielleicht damals in der Kindheit, als wir versucht hatten, nicht so zu sein wie wir waren. Das hatte schließlich alles nur schlimmer gemacht.

Wie kann man sich gegen Manipulateure wehren, die solche Fragen stellen? Zunächst muss man erkennen, dass es sich um Manipulation handelt. Auch das gelingt nur durch bewusstes Wahrnehmen aus der Distanz. Und dann erkennt man auch, dass die zunächst so unscheinbare Frage nichts anderes ist als ein Angriff auf unser Wesen und unsere Existenz!

Ihr Rolf Sellin

Veränderung suchen oder nur Bestätigung?

Sellin-PorträtNach einer Sendepause melde ich mich zurück. Die Arbeit an meinem nächsten Buch hatte mich so in Beschlag genommen, dass ich nicht ganz hinterher kam, rechtzeitig neue Beiträge für den Blog zu verfassen. Wieder einmal ist beim Schreiben am Manuskript das passiert ist, was ich als Leser bei der Lektüre eines für mich wichtigen Buch erlebe: Weitung der Sicht, ein verändertes Verständnis und persönliche Entwicklung. Ich bin als Leser glücklich, wenn ich aus einem Buch am Ende anders herauskomme als ich hineingegangen bin. Und so einen Transformationsprozess habe ich beim Schreiben dieses Mal ganz besonders intensiv erlebt. Ich kann noch hinzufügen, dass mich die Konfrontation mit dem Thema, die ab und zu auch nicht erfreulich war, mich am Ende frei und sehr glücklich gemacht hat.

Der Titel des Buches, das im September im Kösel-Verlag erscheinen wird:

„Ins Herz getroffen. Selbsthilfe bei seelischen Verletzungen“.

Einen Entwicklungsprozess wünsche ich auch den Lesern meiner Bücher. Doch nicht jeder Leser ist glücklich über die Weitung der Sicht und über die Veränderung, die damit einhergeht. Manch einer sucht nur Bestätigung. Kürzlich berichtete eine ältere Dame, dass sie an einer Art Internetkonferenz zum Thema Hochsensibilität teilgenommen habe. Meine Frage, ob sie denn dabei etwas Neues und Spannendes erfahren habe, verneinte sie freudestrahlend. Ich sah sie verwundert an, woraufhin sie ergänzte, dass sie die Teilnahme deshalb so bereichernd fand, weil ihr dabei bewusst geworden ist, dass sie schon so viel wisse. – Etwas Ähnliches hatte ich bei einem Vortrag erlebt. Eine Zuhörerin fragte: „Erwähnen Sie auch noch die Lärmempfindlichkeit von Hochsensiblen?“, obwohl es bereits um ganz andere Zusammenhänge und vor allem um Lösungen und Methoden für den Alltag ging, um damit umzugehen. Als ich ihr zuliebe einen kurzen Satz auch noch dazu sagte, um mich dann wieder dem eigentlichen Thema zu widmen, saß sie glücklich und zufrieden da. Ob sie das Neue und Weiterführende überhaupt wahrgenommen hat, weiß ich nicht. Es gibt also Menschen, die suchen vor allem Bestätigung, ebenso wie es die anderen gibt, die sich entwickeln wollen. Diese Ausrichtung der jeweiligen Person bestimmt dann auch ihre Wahrnehmung. Manche der Leser, denen es um ein Wiederholen des Bekannten geht, sind dann auch nicht in der Lage, etwas Neues zu bemerken und als neu zu erkennen und zu schätzen.

So etwas trifft mich als Autor häufig, schließlich stelle ich zum Beispiel in „Wenn die Haut zu dünn ist“ nicht nur die Hochsensibilität dar (wie inzwischen zahlreiche Schreiber, die im Grunde nur bekanntes Wissen wiederkäuen), sondern vor allem einen ganz eigenen Weg, damit durch die bewusste Wahrnehmung konstruktiv umzugehen. Diesen Ansatz verfolge ich auch in den weiteren Büchern, die ebenfalls ganz eigenständig sind. Leider wird das häufig übersehen. Und manchem ist es ja auch viel zu unbequem, aus dem Jammern und Klagen herauszukommen und die eine oder andere Methode tatsächlich auszuprobieren und anzuwenden.

Ihr Rolf Sellin

 

Sich selbst beim Denken zuschauen

Sellin-Porträt

Wenn Sie beim Denken zur Seite getreten sind (wie in der vorhergehenden Folge beschrieben), gelingt es Ihnen vielleicht auch, sich beim Denken zuzuschauen, was wiederum eine gute Hilfe ist, wenn es darum geht, sein Denken in konstruktive Bahnen zu lenken.

Wie denken Sie gerade? Und passt diese Art des Denkens überhaupt zur Aufgabe, die Sie lösen möchten, oder zur Situation, in der Sie sich befinden? „Wie“ meint noch lange nicht „was“. Lösen Sie sich also einmal vom Inhalt dessen, was Sie gerade denken. Wie sähe es aus, wenn Sie die Art und Weise Ihres Denkens auf einem Blatt Papier aufzeichnen würden?

Wäre es eine kontinuierliche Linie, die auf ein Ziel zu führt?

Ließen sich Ihre Gedanken eher darstellen in wabernden Formen, in geschwungenen Kurven, die mal in diese, dann in jene Richtung fließen, um sich dann wieder im Raum zu verlieren, wohin auch immer…

Verläuft Ihr momentanes Denken in festen Bahnen, ich nenne es die „Schwäb‘sche Eisebahne“, und klappert es ständig dieselben Stationen ab – „ …Schtuagart, Ulm und Biberach, Meckabeure, Durlesbach“ und so weiter? Es wiederholt sich. Ein Fahrgast wüsste also, welche Station als nächste folgt. Er kann sich darauf verlassen. Sie denken also stets dasselbe, das Sie sonst auch schon gedacht haben.

Oder könnten Sie Ihre Denkbewegung als einen Kreisverkehr beschreiben? Die Gedanken drehen sich immer weiter in demselben Kreis. Oder schlimmer noch, die Bewegung zieht sich in enger werdenden Kreisen zusammen. Dann befinden Sie sich in einer Mühle oder vielleicht sogar im Trichter eines mentalen Treibsands.

Das geradlinige Denken mit seine Logik und Konsequenz ist wichtig und nützlich – wer wollte das bestreiten? Auch das „wabernde“ assoziative Denken, das zunächst so müßig erscheint, hat nicht nur eine Existenzberechtigung, sondern auch seinen Sinn. Ohne diese Art des Denkens käme man nicht „auf andere Gedanken“, könnte keine neuen Zusammenhänge entdecken. Einfälle, neue Ideen und Erfindungen sind nur möglich durch dieses Schweifen der Gedanken, das oft auch entspannend sein kann.

Auch die „Schwäb‘sche Eisebahne“ brauchen wir. Alle Routinen laufen so zuverlässig und ohne großen Aufwand ab. Das Denken in festen Bahnen ist einfach praktisch für den Alltag, doch bei neuen Herausforderungen ist es verfehlt.

Passt die Art Ihres momentanen Denkens überhaupt zur Aufgabe, vor der Sie gerade stehen? – Wenn Sie neben sich treten und auf die Bewegung Ihres Denkens in Gedanken schauen, entdecken Sie es.

Nur eine Art des Denkens macht keinen Sinn: das quälende Denken im Kreis! Es raubt nur Energie und führt zu keinem Ergebnis. Es ist also hilfreich, so früh wie möglich zu erkennen, dass man sich in so einer Mühle befindet! – Treten Sie also beherzt zur Seite und machen Sie bewusst etwas anderes, das Ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert, denn man kann nicht etwas nicht denken wollen, was man gerade denkt. Je größer der Widerstand gegen einen Gedanken, desto hartnäckiger drängt er sich Ihnen auf. – Was Sie sonst noch gegen den mentalen Treibsand machen können, erfahren Sie in der nächsten Folge!

Ihr Rolf Sellin

 

Was alles das Denken beeinflusst, und wie Sie für gute Denkvoraussetzungen sorgen

Sellin-PorträtAls Hochsensible sind wir auch in unserem Denken beeinflussbar genauso wie in unseren Gefühlen und in unserer Befindlichkeit. Wer nicht aufpasst, wird in seinem Denken allzu sehr von seiner Umgebung bestimmt. Viele der äußeren Umstände können wir selbst leicht erkennen, um uns davon innerlich frei machen zu können oder sie so zu verändern, dass wir in die Lage kommen, besser und klarer zu denken. Nicht zuletzt sind auch unsere Gefühlslage und unsere körperliche Verfassung Umgebung für unser Denken, die uns beeinflusst. Wie steht es also um meine Gefühle? Und wie ist meine körperliche Befindlichkeit? Wie sitze ich? Wie ist meine Körperhaltung? Wie atme ich? Welche Bedürfnisse habe ich? – Was kann ich tun, um meine Situation zu verbessern und damit zugleich meine Denkfähigkeit? Vielleicht kann ich mich anders hinsetzen, Wasser trinken, lüften, mich bewegen? Und wenn ich Ärger hatte oder aufgeregt bin, wäre es gut, dazu erst einmal Abstand zu gewinnen. Am besten denkt es sich in einem Zustand „entspannter Spannung“, der als leicht, wach und aktiv empfunden wird.

Oft hilft auch ein ganz konkreter Ortswechsel. Der Wald beeinflusst unser Denken anders als das freie Feld, der Fluss anders als das Meer. Belebend kann auch die Atmosphäre in einem Café wirken. Welche Umgebung könnte am besten passen für das Problem oder das Thema, über das Sie gerade nachdenken? Wer zu lange am selben Ort über dasselbe Thema nachgedacht hat, kann leicht zur Erkenntnis kommen, sich ständig zu wiederholen und in seinen Gedanken festgefahren zu sein.

Aus der Distanz zum eigenen Denken können Sie all das erkennen und gut für frischen Wind in Ihrem Denken sorgen. Treten Sie also öfter einmal zur Seite und schauen Sie sich beim Denken zu!

Im Denken verstrickt?

Sellin-PorträtGenerell ein Problem für Menschen in unserer Zivilisation und ganz besonders für Hochsensible, die sich nicht oft genug zentrieren und ihre Wahrnehmung noch nicht bewusst steuern: Sie denken zu viel. Manchmal zerbrechen sie sich sogar den eigenen Kopf über die Probleme anderer, die sie vielleicht nicht einmal kennen. Das viele Denken führt jedoch nicht unbedingt zu besseren Ergebnissen, oft sogar zu gar keinen. Wer nicht aufpasst, kann sich im Denken verlieren.

Und noch etwas: Wer so in seinen Gedanken ist und sich sonst gar nicht mehr wahrnimmt, wer also seinen Körper nicht mehr spürt wie so viele Hochsensible, bei dem kann sich zu viel Energie im Kopfbereich stauen. Das Ergebnis: Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich, Kopfschmerzen, in extremen Fällen sogar Migräne.

Es hilft also, ab und zu sein Denken zu unterbrechen und sich zu fragen, wie und was denn da im eigenen Kopf so gedacht wird. Das klingt so einfach, doch wer sagt seinem eigenen Gehirn schon etwas, das nicht auch wieder aus demselben eigenen Gehirn kommt! – Ein Münchhausen-Problem: Sich mit dem eigenen Kopf aus dem Sumpf seines eigenen Denkens zu ziehen!

Doch es geht ganz einfach. Wenn Sie merken, dass Ihr Denken sich verstrickt, dass Sie zu viel denken und Ihr Denken nicht weiterführt, weil es gerade mal wieder zum Selbstläufer geworden ist, dann treten Sie doch ganz einfach mal zur Seite. Zunächst nicht nur in der Vorstellung, sondern, ganz konkret körperlich im Raum – und dann lassen Sie sich überraschen.

Der Effekt dieses kleinen Schrittes kann verblüffend sein. Bei dem einen führt er dazu, dass er sein Denken, das ihm zu viel geworden ist, unterbrechen kann oder dass es sogar wie von selbst abbricht. Es fällt dann leichter, neu und vor allem bewusst zu starten mit dem Denken. Mit eindeutigen Vorgaben, zum Beispiel mit der Eingrenzung des Themas oder der klaren Formulierung der Aufgabe, führt das Denken dann viel leichter zu konkreten Ergebnissen.

Bei sich bleiben im Gespräch und Energieverluste vermeiden

Sellin-PorträtUnumgänglich ist die Methode „Bei sich bleiben im Kontakt“, wenn Sie im Gespräch Energieverluste vermeiden möchten. Sie können dazu alle Methoden aus meinen ersten beiden Büchern verwenden. Eine sehr einfache Aufgabenstellung, die jedoch gar nicht so leicht zu erfüllen ist! Es geht darum, sich selbst noch zu spüren, wenn man im Gespräch auf eine andere Person eingeht und sie verstehen möchte. Und so geht es – sehr vereinfacht: Sie bleiben mit sich selbst auch körperlich im Kontakt, während Sie zugleich im Kontakt mit Ihrem Gesprächspartner sind. Sie spüren zum Beispiel weiterhin die Wärme in Ihrem Bauch, Ihren Atem, ihre Füße, Ihre Haltung… Sie teilen also Ihre Aufmerksamkeit auf zwischen sich und Ihrem Gegenüber. – Für weniger sensible Menschen wäre das übrigens ganz selbstverständlich. Sie kennen es gar nicht anders.

Auch wenn das zuerst ziemlich schwierig erscheint, können Sie schon einmal auf eins achten: auf Ihre Körperhaltung. Hochsensible, die sich selbst im Gespräch verloren gehen, fallen dadurch auf, dass sie eine vornüber gebeugte, im wahrsten Sinne zugewandte Haltung zum Gesprächspartner einnehmen. Sie rutschen nicht nur energetisch rüber zu ihm, sondern neigen sich auch körperlich ihrem Gegenüber zu. Sie tendieren dazu, äußerlich und innerlich seine Position einzunehmen. – Und wie sitzt der Gesprächspartner? Neigt er sich auch so vor oder behält er seine aufrechte Haltung bei? Oder sitzt er zurückgelehnt da? Bleibt er bei sich? Und das während des ganzen Gesprächs? Hat er sich während des Gesprächs auch Ihnen zugewandt? Ist der Wechsel, wenn er denn überhaupt stattfindet, ausgewogen?

Ohne bewusste Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung bekommen Sie das freilich alles nicht mit. Klinken Sie sich während des Gesprächs ab und zu für einen ganz kurzen Moment aus und fragen Sie sich, wie Sie sitzen und korrigieren Sie Ihre Haltung immer wieder einmal. – Und vor allem seien Sie dabei sehr geduldig mit sich, wenn Sie es Ihnen nicht gleich gelingt! Es dauert gewöhnlich eine ganze Zeit, bis das zur Gewohnheit wird.

Wenn Gespräche nicht nur der gegenseitigen Vermittlung von Informationen dienen, sondern auch dem Austausch von Energie, dann sollte ein Ausgleich stattfinden, damit beide etwas davon haben, sonst profitiert nur einer davon. Dann geht der Kontakt meist zu Lasten des Hochsensiblen, der so begabt dafür ist, andere zu verstehen, ihnen Resonanz zu geben und sie zu bestärken. Fühlen Sie sich wiederholt ganz ausgelaugt nach intensiven Gesprächen, dann könnten Sie am Ende sogar zu dem verfehlten Schluss kommen, dass es Ihnen besser ginge, wenn Sie sich generell aus Kontakten zurückziehen würden. Von einem wirklich guten Gespräch profitieren beide: inhaltlich und vor allem auch energetisch. Beide haben Verständnis gefunden und haben am Ende mehr Energie als vor ihrer Begegnung. Und das Gute daran: Die Energie hat sich nicht nur addiert, sondern potenziert. Beide sind davon bereichert. Dieser gemeinsame Gewinn geht auf niemandes Kosten!

Es mag sein, dass Ihr Gesprächspartner sich immer so angenehm erleichtert und bestärkt fühlt, wenn er sich in einem Gespräch mit einem Hochsensiblen über das was ihn bedrückt einmal so recht auslassen konnte, denn niemand kann so gut zuhören wie ein Hochsensibler. Darauf achten, dass Sie dabei nicht zu kurz kommen, müssen Sie übrigens selbst! Zum Beispiel darauf, dass Sie im Gespräch Ihre Energie nicht verlieren oder dass Sie mit Ihren eigenen Themen ebenfalls Raum und Gehör finden. Das können Sie nur selbst steuern, denn Ihr Gegenüber hat von all diesen Zusammenhängen wahrscheinlich gar keine Ahnung.

Ihr Rolf Sellin

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