ROLF SELLIN

Hochsensibel

Posaunenengel im Landeanflug

Sellin-Porträt

Für den Flug von Rom nach Stuttgart habe ich mir einen Gangplatz reservieren lassen. In der Reihe auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Familie: der ein wenig zur Beleibtheit neigende Vater, sein kleiner Sohn, vielleicht knapp drei Jahre alt, der ihm unverkennbar nachkommt, am Fester die Mutter. Mit ihrem besorgten Gesichtsausdruck und ihrer betonten Fürsorglichkeit und ihren Reaktionen auf alle Regungen des Kleinen erinnert sie mich an viele meiner hochsensiblen Seminarteilnehmerinnen. Der Kleine genießt das Abenteuer des Fluges und die Aufmerksamkeit seiner Eltern und vor allem die der Stewardess, die ihm ein kleines Spielzeugflugzeug und Kekse bringt: Er strahlt wie ein Posaunenengelchen in einem rosa und hellblau ausgemalten Barockhimmel.

Wir nähern uns Stuttgart und fliegen allmählich tiefer. Das Starten hatte dem Kleinen noch gefallen, doch jetzt wird er unruhig da und bekommt Angst, er beginnt zu weinen. Vielleicht spürt er den Druckabfall in seinen Ohren. Sein Weinen wird lauter, seine Mutter reagiert bekümmert und hilflos. Sie versucht ihn zum Schweigen zu bringen und redet auf ihn ein, doch Ruhe zu geben, damit er nicht die anderen Fluggäste stört. Der Vater übertönt sie: Er wäre doch schon ein großer Junge und solle das Weinen lassen. Jetzt kommt die Mutter mit Argumenten, dass doch alles in Ordnung wäre. Der Vater verspricht ihm eine Belohnung, wenn er endlich aufhört und Ruhe gibt, und versucht, ihn damit abzulenken. Beide Eltern verstärken ihre Bemühungen und reden gleichzeitig auf ihn ein. Vergeblich, Angst, Unruhe und Weinen werden stärker.

Wie einfach wäre alles gewesen: Wenn Vater oder Mutter ihren kleinen Trompetenengel einfach in die Arme genommen hätten. Wenn sie ihm seine Unsicherheit und sein Weinen zugestanden hätten. Wenn sie einfach nur ruhig dagewesen wären für ihn. Wenn er bei ihnen Rückhalt und Geborgenheit hätte spüren können. Wenn sich ihre eigene Besorgtheit nicht mit der Angst des Kleinen aufgeschaukelt hätte! Wie so viele Eltern, die den Ängsten ihrer Kinder mit Argumenten oder Aktionismus begegnen, haben sie ihr aus dem Himmel fallendes Engelchen nicht auffangen können. Und so geht es in vielen Familien von Hochsensiblen!

Was hätten Sie sich damals als Kind gewünscht? Was hätte Sie beruhigt? – Sind Sie in der Lage, sich genau das heute selbst zu geben?

Ihr Rolf Sellin

1 Comment

  1. Hallo Herr Sellin,

    oh ja – weniger ist mehr – vor allem für hochsensible Kinder. Ich hätte mir damals jemanden gewünscht, der mich in meinem Sein und in meinem Denken unterstützt und mich ernst genommen hätte, in dem, was ich denke und fühle – dass ich so sein kann wie ich bin und dass ich mir und meinen Gefühlen trauen kann. Das hätte mir sehr viel früher zu einem wirklichen Selbstbewusstsein verholfen. Vor allem auch deswegen, da hochsensible Kinder sehr viel Zeit und Muse benötigen, um mal an den Punkt zu kommen, wo sie wirklich ausdrücken können, was sie tatsächlich auch ausdrücken mögen. Auch heute noch brauche ich für sensible Themen eine gewisse Anlaufzeit und eine Wohlfühlatmosphäre, damit ich mich öffnen kann und so ausdrücken kann, damit der andere mich versteht.

    Danke für diesen wertvollen Artikel.

    Die Lebensfreude in Ihrem angefügten Bild ist wirklich zum Mitfreuen – danke dafür 😉

    Falls Sie sich in meinem hochsensiblen Wohnzimmer mal umschauen mögen, hier meine Einladung an Sie zu einer Tasse Tee:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/herzlich-willkommen/

    Freundliche Grüße und machen Sie so weiter,
    Julia Bender
    – eine Hochsensible –

    PS.: Ich war vorletzte Woche beim HSP Gathering und habe Elaine N. Aron persönlich getroffen – ein wunderbarer Mensch!

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Abonnieren Sie unseren Newsletter mit aktuellen Buchtipps, Leseproben und Gewinnspielen.

© Verlagsgruppe Random House GmbH | Kontakt | Impressum | Letzte Änderung: 10.07.17