Sellin-PorträtAb und zu werde ich von anderen Hochsensiblen oder auch von Zweiflern, die selbst nicht hochsensibel sind, gefragt, wann und woran ich es denn zum ersten Male gemerkt hätte, dass ich hochsensibel bin. Auch wenn mir der Begriff noch bis vor wenigen Jahren gefehlt hatte, habe ich schon früh erfahren, dass ich anderes und anders wahrnahm.

Ich muss vier oder höchstens fünf Jahre alt gewesen sein, da hatte ich mir in einer abgelegenen Ecke des großen Pfarrgartens ein ganz kleines Gärtchen angelegt. Im Straßengraben fand ich dafür die passenden Pflanzen. Eine klitzekleine unscheinbare Blume mit wunderschönen ziegelroten Blüten hatte es mir besonders angetan: Ackergauchheil. Die anderen Kinder aus dem Dorf konnten ihre Schönheit nicht erkennen und lachten mich aus. In ihren Augen handelte es sich um ein Unkraut, das sie ebenso wie meine anderen Pflänzchen ausrupfen wollten – so wie es sich ihrer Meinung nach gehörte. Ich stellte mich vor mein bescheidenes Gärtchen und verteidigte mein so perfekt schönes Blümlein. – Da war mir plötzlich bewusst, dass sie nicht alles sahen was ich erkennen konnte. Es gab also zusätzlich zu dem in der Welt, das die anderen wahrnahmen und selbstverständlich auch ich, noch Dinge in der Welt, zu denen ich Zugang hatte und die mich bewegten. In diesem Fall war es die unscheinbare Schönheit einer kleinen Pflanze, das andere Mal die verzweifelte Situation eines anderen Kindes oder Leid und Trauer eines Tieres.

Diese Erkenntnis tat weh, denn ich konnte weder die Freude über das eine noch das Leid über so viel anderes, mit den Spielkameraden teilen. Zugleich wusste ich, dass ich damit etwas besaß, das für mich sehr kostbar war. Noch heute bin ich darüber froh, dass ich mich schon damals im Garten dafür entschieden hatte, mir mein Gärtchen nicht zerstören zu lassen: Ich hatte mich vor mein Pflänzchen gestellt und es verteidigt!

Ihr Rolf Sellin