Sellin-PorträtWahrnehmung ist der Schlüssel zu allem. Was wir nicht wahrgenommen haben ist uns nicht bekannt, wir wissen nichts davon. Wahrnehmung ist unser einziger Zugang zur Welt – zu unserer, denn andere nehmen vielleicht etwas anderes wahr als wir. Und Wahrnehmung ist sogar der Zugang zu uns selbst. Es lohnt sich also, genau auf den Vorgang der Wahrnehmung zu achten. Das können Sie ganz gemütlich und entspannt, zum Beispiel wenn Sie im Straßencafé sitzen oder auf einer Parkbank. Widmen Sie Ihre Aufmerksamkeit Ihrer eigenen Wahrnehmung.

Sie nehmen etwas wahr, zum Beispiel einen Passanten, und schon meldet sich etwas in Ihrem Kopf. Es sind Bewertungen, die Sie gar nicht übergehen können, denn sie machen sich so breit und drängen sich in den Vordergrund. Bewertungen von allem und jedem! Da ist Ihnen zum Beispiel jemand zu dünn oder zu dick (was freilich häufiger vorkommt). Schnell tauchen bewertende Kommentare auf. Ausgesprochen wäre Ihnen die eine oder andere davon vielleicht sogar peinlich. So etwas sagt man doch nicht! Und manche sind auch politisch nicht ganz korrekt. Wenn Sie heute einmal bewusst wahrnehmen und darauf achten, was in Ihrem Bewusstsein vor sich geht, dann erschrecken Sie vielleicht darüber, denn längst denken Sie anders, Sie sind doch eigentlich viel aufgeklärter und toleranter. Doch Sie bewerten immer noch so wie damals, auch wenn Sie es vielleicht gar nicht wollen, nach Kriterien, zu denen Sie bewusst heute längst nicht mehr stehen.

In der Tat geht Wahrnehmung organisch so vonstatten, dass jede Information erst einmal bewertet wird. Erst dann gelangt die Information in die Regionen unseres Gehirns, in denen wir über das Wahrgenommene nachdenken und reflektieren können.

Wahrzunehmen ohne zu bewerten ist eine Leistung. Eine gute Übung, um sich sein Bewerten bewusst zu machen und es noch mehr zu weiten. Doch lassen Sie sich von Ihren Erkenntnissen nicht herunterziehen! – Sie können es auch so sehen: Sie haben sich entwickelt. Und es braucht eben etwas länger, bis Ihre neuen Werte, zu denen Sie heute stehen können, sich verankert haben. Also bewerten Sie sich selbst nicht gleich nach Ihren alten Maßstäben, sondern seien Sie ebenso tolerant zu sich, wie Sie zu den Mitmenschen sein wollen. – Abstand zu seinen alten Bewertungen erhält man vor allem dadurch, dass man seine eigene Wahrnehmung und alles was daraus folgt wahrnimmt. So entsteht allmählich das bewusste Wahrnehmen.

Ihr Rolf Sellin