Sellin-PorträtViele Hochsensible berichten davon, dass sie sich auch in einer akustischen Hinsicht offensichtlich von ihren Mitmenschen unterscheiden. Sie hören die Gespräch an den Nebentischen im Café fast genau so deutlich oder undeutlich wie das, was an ihrem Tisch gesprochen wird. Die meisten Hochsensiblen, mit denen ich darüber gesprochen habe, fehlt es an der akustischen Trennschärfe. Dass wir damit geeignete Bewerber für den Beruf eines Detektivs oder Spitzels wären, ist sicher nur ein schwacher Trost angesichts dieses Mangels. Denn das Gespräch mit Freunden im Café kann für uns dadurch seine Leichtigkeit verlieren, weil unsere Ohren sich leider nicht von selbst auf das beschränken, was tatsächlich für uns gemeint ist. Also versucht mancher Hochsensible sich auf seine eigene Gesprächsrunde zu konzentrieren, was die Geselligkeit auf die Dauer zu einer Anstrengung machen kann.

Und wie wirkt sich dieses Bemühen wiederum aus? Betrachten Sie sich selbst einmal aus innerer räumlicher Distanz dabei: Wie sitzen Sie da? Wie genau strengen Sie sich an? Glauben Sie, tatsächlich alles exakt mitbekommen zu müssen, jedes Wort und jeden Blick? Selbst noch die Details? Und glauben Sie wirklich, Sie müssten wirklich alle Äußerungen mit innerer Bewegung und Ihrem Minenspiel untermalen und auf alles mit derselben Intensität eingehen, über die wir Hochsensiblen verfügen? Müssen Sie tatsächlich alles miterleben und mitfühlen? – Auf was könnten Sie alles verzichten, damit Sie nach dem Gespräch nicht so ausgelaugt sind? Denn der unnötige Energieverlust könnte sich auf die Dauer so auswirken, dass Sie sich aus Kontakten immer mehr zurückziehen, wie es bei vielen Hochsensiblen nach der Lebensmitte zu beobachten ist, weil sie das Zusammensein mit anderen als zu anstrengend erachten?

Nicht alles genau wahrnehmen zu wollen, ist ein erster Schritt, denn selbst in der Freizeit wollen wir Hochsensiblen alles so vollkommen machen. Da hilft es, unterscheiden zu lernen was wichtig ist und was nicht, wann wir uns getrost zwischendurch einmal zurücklehnen und entspannen können und wann unsere Aufmerksamkeit tatsächlich gefragt ist. Allein die Änderung der inneren Haltung kann uns da helfen. Manch einer entdeckt auch, dass er sich in einer Art von angestrengter Alarmbereitschaft begibt, wenn er mit anderen zusammen kommt, weil er irgendwann einmal schlechte Erfahrungen mit Gruppen gemacht hat. Stellen Sie sich dann die Frage, ob Sie in dieser Runde den Alarmzustand aus einer früheren Zeit einmal aufheben können.

Gut entspannen kann sich ein Hochsensibler zwischendurch auch einmal, wenn er seiner Tendenz für einige Momente einmal bewusst nachgibt, nämlich überall und nirgends zu sein, wenn er sich gewissermaßen auflöst im Raum, und das mit voller Absicht. Hochsensible können das gewöhnlich sehr gut. Diese Fähigkeit können wir auch einmal zu unserem Wohl einsetzen. Danach kommen wir dann wie von einem kleinen Segeltörn entspannt wieder zurück zu uns selbst, an den Platz, auf dem wir sitzen und in unsere Gesprächsrunde.

Und worum geht es in erster Linie in Gesprächen mit Freunden? Ist der Austausch von Worten und Informationen tatsächlich die Hauptsache? Oder geht es um Resonanz, um den gegenseitigen Austausch von Sympathie und Energie, der belebend wirkt und bei allen Beteiligten zu einem Zuwachs an Energie führen kann, vorausgesetzt, sie strengen sich nicht so sehr dabei an…? Genießen Sie es also ganz bewusst, dazuzugehören, Freunde und Bekannte zu haben, mit denen Sie nicht nur Worte und Informationen austauschen, sondern auch Sympathie, Wertschätzung und Resonanz. Baden Sie dort an Ihrem Tisch darin. Es ist eine kostbare Essenz!

Ihr Rolf Sellin