Sellin-Porträt

Wenn Sie beim Denken zur Seite getreten sind (wie in der vorhergehenden Folge beschrieben), gelingt es Ihnen vielleicht auch, sich beim Denken zuzuschauen, was wiederum eine gute Hilfe ist, wenn es darum geht, sein Denken in konstruktive Bahnen zu lenken.

Wie denken Sie gerade? Und passt diese Art des Denkens überhaupt zur Aufgabe, die Sie lösen möchten, oder zur Situation, in der Sie sich befinden? „Wie“ meint noch lange nicht „was“. Lösen Sie sich also einmal vom Inhalt dessen, was Sie gerade denken. Wie sähe es aus, wenn Sie die Art und Weise Ihres Denkens auf einem Blatt Papier aufzeichnen würden?

Wäre es eine kontinuierliche Linie, die auf ein Ziel zu führt?

Ließen sich Ihre Gedanken eher darstellen in wabernden Formen, in geschwungenen Kurven, die mal in diese, dann in jene Richtung fließen, um sich dann wieder im Raum zu verlieren, wohin auch immer…

Verläuft Ihr momentanes Denken in festen Bahnen, ich nenne es die „Schwäb‘sche Eisebahne“, und klappert es ständig dieselben Stationen ab – „ …Schtuagart, Ulm und Biberach, Meckabeure, Durlesbach“ und so weiter? Es wiederholt sich. Ein Fahrgast wüsste also, welche Station als nächste folgt. Er kann sich darauf verlassen. Sie denken also stets dasselbe, das Sie sonst auch schon gedacht haben.

Oder könnten Sie Ihre Denkbewegung als einen Kreisverkehr beschreiben? Die Gedanken drehen sich immer weiter in demselben Kreis. Oder schlimmer noch, die Bewegung zieht sich in enger werdenden Kreisen zusammen. Dann befinden Sie sich in einer Mühle oder vielleicht sogar im Trichter eines mentalen Treibsands.

Das geradlinige Denken mit seine Logik und Konsequenz ist wichtig und nützlich – wer wollte das bestreiten? Auch das „wabernde“ assoziative Denken, das zunächst so müßig erscheint, hat nicht nur eine Existenzberechtigung, sondern auch seinen Sinn. Ohne diese Art des Denkens käme man nicht „auf andere Gedanken“, könnte keine neuen Zusammenhänge entdecken. Einfälle, neue Ideen und Erfindungen sind nur möglich durch dieses Schweifen der Gedanken, das oft auch entspannend sein kann.

Auch die „Schwäb‘sche Eisebahne“ brauchen wir. Alle Routinen laufen so zuverlässig und ohne großen Aufwand ab. Das Denken in festen Bahnen ist einfach praktisch für den Alltag, doch bei neuen Herausforderungen ist es verfehlt.

Passt die Art Ihres momentanen Denkens überhaupt zur Aufgabe, vor der Sie gerade stehen? – Wenn Sie neben sich treten und auf die Bewegung Ihres Denkens in Gedanken schauen, entdecken Sie es.

Nur eine Art des Denkens macht keinen Sinn: das quälende Denken im Kreis! Es raubt nur Energie und führt zu keinem Ergebnis. Es ist also hilfreich, so früh wie möglich zu erkennen, dass man sich in so einer Mühle befindet! – Treten Sie also beherzt zur Seite und machen Sie bewusst etwas anderes, das Ihre ganze Aufmerksamkeit erfordert, denn man kann nicht etwas nicht denken wollen, was man gerade denkt. Je größer der Widerstand gegen einen Gedanken, desto hartnäckiger drängt er sich Ihnen auf. – Was Sie sonst noch gegen den mentalen Treibsand machen können, erfahren Sie in der nächsten Folge!

Ihr Rolf Sellin