ROLF SELLIN

Hochsensibel

Was ein Hochsensibler nicht ist

Sellin-PorträtAntwort 1 – Über die Grenzen kommen

Die Antwort auf die Frage einer Leserin, was ein Hochsensibler denn nicht sei, ist vertrackter als es auf den ersten Moment scheint. Hochsensible, könnte man denken, sind all das nicht: zum Beispiel unsensibel, hart und rücksichtslos, brutal und kalt – kurz was man mit dem Begriff Hochsensibilität nicht in Verbindung bringt und was ein Hochsensibler mit Sicherheit auch nicht sein möchte. Doch ein Hochsensibler kann auch all das sein und noch viel mehr. Es gibt eigentlich keine Eigenschaft, die er nicht auch haben, und kein Verhalten, das er nicht auch an den Tag legen könnte.
Wahrnehmungsfähigkeit ist nur ein Kriterium von vielen, unter denen man Menschen betrachten kann. Hochsensibilität ist nur deshalb plötzlich so wichtig geworden und in ein breiteres öffentliches Interesse gerückt, weil sie sich bei der zunehmenden Reizüberflutung schnell von einem Überlebensvorteil in ein Handikap entwickeln kann. Wir Hochsensiblen müssen erst noch lernen, unter diesen verschärften Bedingungen mit unserer Wahrnehmung angemessen umzugehen. Die meisten von uns sind dazu noch nicht in der Lage. Und so kann es allzu leicht passieren, dass ein überreizter Hochsensibler sich eben nicht hochsensibel verhält.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob ein Hochsensibler als Kind so sein durfte wie er ist oder ob er den Satz „Sei doch nicht so sensibel!“ zu hören bekam. Die meisten von uns haben eben daraufhin gewissermaßen einen Knoten in ihre Wahrnehmung gemacht. Genau damit nahm ihre problematische Entwicklung ihren Ausgang. Ich habe sie beobachtet, erkannt und erstmals beschrieben in meinem Buch „Wenn die Haut zu dünn ist. Hochsensibilität – vom Manko zum Plus“. Die drastischen Folgen: Verlust der Wahrnehmung des eigenen Körpers, der erst dann gespürt wird, wenn es zu spät ist und er sich nur noch störend zum Beispiel mit Schmerzen und Symptomen bemerkbar macht, die Unterschätzung oder Überschätzung der eigenen Kraft, der ständige Energieverlust durch dauernde Orientierung an anderen, die Missachtung der eigenen Grenzen, die zur Selbstüberforderung führt und weiter darüber hinaus in die Schonhaltung, deren Folge dann wiederum die Überforderung ist… Ebenso das zu späte Bemerken von Grenzverletzungen durch andere mit der Konsequenz ständiger Konflikte oder der Resignation im Rückzug. Die Wirkung dieser verfehlten Anpassung geht sogar noch weiter, bis hinein ins endlose und folgenlose Denken, in die Unfähigkeit, sich zu entscheiden, und in das zu späte Einnehmen der eigenen Position im Leben. Nicht zu vergessen die Verunsicherung des Selbstwerts dadurch, dass die eigene Person gewissermaßen durch die Augen des jeweiligen Gegenübers wahrgenommen wird.
Immer wenn ein Hochsensibler, der sich so angepasst hat, seine zuvor nicht wahrgenommenen Grenzen weit überschritten hat oder wenn die Balance zwischen Geben und Nehmen allzu sehr ins Ungleichgewicht gekommen ist, gerät sein sonst so sensibles Verhalten ins „Kippen“: Aus seiner Rücksicht wird plötzlich Rücksichtslosigkeit, aus seinem Verstehen von allen und allem wird dann bares Unverständnis, aus Nachsicht Intoleranz, aus Nachgiebigkeit unerwartete Härte.
So unsensibel wie ein überforderter und enttäuschter Hochsensibler, der weit über seine Grenze gekommen ist, kann sich selbst ein völlig unsensibler Mitmensch kaum verhalten!

Antwort 2 – Immer noch auf die Frage, was denn ein Hochsensibler nicht ist:

Immer wieder kommt es darauf an, wie ein Hochsensibler, der sich früh nach dem Satz „Sei nicht so sensibel!“ ausgerichtet hat, mit seiner Wesensart umgegangen ist. Wenn er auf sein Leben zurückblickt, wird er wahrscheinlich Phasen ganz gegensätzlicher Einstellungen sich selbst gegenüber erkennen können, längere und auch ganz kurze. Vielleicht wird ihm sogar ein Umschalten von einer Minute zur anderen auffallen, auch wenn er stets dieselbe Person war. Da war er auf einem Gebiet so hochsensibel wie er geschaffen ist, vielleicht wenn er mit Hund und Katze allein war, am Klavier saß oder ein Buch las. Kamen andere hinzu, reagierte er plötzlich wieder anders, oft so wie sie. Manchmal war er dann auch unsensibel – zum Beispiel im Beruf – oder gar raubeinig – vielleicht beim Sport. Bei dem einen oder anderen gab es sogar Momente, in denen er so übertrieben sensibel und überreizt reagiert hat, dass sein Verhalten anderen gegenüber ganz unsensibel war. Sehr oft hat sich die eigene Hochsensibilität so ausgewirkt, dass es ganz leicht fiel, sich an anderen auszurichten, an dem was bei ihnen gefragt und angesagt war und was nicht, sich ihnen anzugleichen und sich selbst dabei zu übergehen.

In unterschiedlichen Situationen anders sein und anders wahrnehmen

Wie entscheidend der soziale Zusammenhang die eigene Wahrnehmung eines Hochsensiblen beeinflussen kann, zeigt das Beispiel einer früheren Klientin: Wenn sie allein in ihrer Wohnung war, störte sie ein ganz leises eindringliches Pfeifen der Heizung. Sie rief den Hauswirt und einen Heizungsfachmann hinzu, doch in ihrer Gegenwart konnte auch sie so wie die beiden anderen den Pfeifton nicht hören. Als sie wieder allein war, hörte sie ihn jedoch genauso eindringlich wie zuvor. Bei einem erneuten Treffen mit Hauswirt und Installateur, glich sie sich ihnen wiederum so an, dass sie das feine Geräusch, das sie sonst bis in ihren Schlaf gestört hatte, abermals nicht hören konnte. Der Pfeifton stellte sich jedoch sogleich wieder ein, als sie allein zurückblieb.

Zugang zu so vielen Möglichkeiten

Das ist es ja gerade: Ein Hochsensibler kann nahezu alles „sein“ in unterschiedlichen Situationen, nacheinander und fast sogar zeitgleich. Er kann sich wie sonst kaum ein anderer Mensch in andere hineinversetzen, sie von innen heraus verstehen und sich ihnen angleichen. Viele Schauspieler sind Hochsensible, und viele Hochsensible Schauspieler, allerdings ohne es zu wissen. Und versuchen sie dann einmal umzuschalten auf „authentisch“, um ganz „sie selbst“ zu sein, dann sind sie allerdings immer noch nicht bei „sich“ angekommen, so wie sie es glauben. Sie leben damit auch nur wieder eine weitere Möglichkeit von sich. Wir sind immer wir selbst, ob es uns nun gefällt oder nicht. Dann wenn wir uns wie von selbst anpassen, ebenso wie in den Momenten, in denen wir uns innerlich dagegen auflehnen und uns plötzlich so besonders und angestrengt eigenwillig, fast widerborstig verhalten. Wenn wir uns ehrlich und vorbehaltlos wahrnehmen, können wir erkennen, dass wir Hochsensiblen über ein weites Feld an Möglichkeiten in uns tragen. Wir sind nicht das eine oder das andere, sondern beides und noch viel mehr.

Kaum Übergänge

Doch dabei fällt eines auf: Solange ein Hochsensibler, der sich nach dem Motto „Sei nicht so sensibel!“ angepasst hat, noch nicht gelernt hat, mit seiner Wahrnehmung bewusst umzugehen, verfügt er zwischen seinen so radikal unterschiedlichen Zuständen und Verhaltensweisen über keine Übergänge, nur über ein abruptes Umschalten von dem einen Pol zum anderen wie bei einem Kippschalter. Während jedoch das Zurückrutschen von dem angeblichen „authentisch Sein“ zum „Mitschwimmen“ kaum auffällt, wirkt das plötzliche Umschalten des Kippschalters von der geläufigen Angleichung auf Eigenständigkeit auf andere übertrieben und zickig, manchmal sogar verletzend. Erst der bewusste Umgang mit der Wahrnehmung und die Selbstregulation ermöglichen es, feine Übergänge zu schaffen.

Vom Kippschalter zum Dimmer

Durch das allmähliche Schaffen von Übergängen zwischen den extremen Positionen wird gewissermaßen der Kippschalter allmählich zum Dimmer erweitert. Zugleich entdeckt der Hochsensible, dass er es selbst in der Hand hat, auch die weiten Bereiche zwischen seinen Extremen zu nutzen und sich bewusst und ganz differenziert auf jede Situation einzustellen. War er zuvor bestimmt von den äußeren Reizen, auf die er nur reagiert hat, indem er von einem Extrem zum anderen hin- und hergependelt ist, so kann er nun differenziert die ganze Bandbreite dazwischen nutzen. – Auch wegen dieser Fülle seiner Möglichkeiten ist es nicht möglich, zu definieren was ein Hochsensibler nicht ist.

 

 

 

1 Comment

  1. Wie wahr, wie wahr!!!! In Situationen der Überforderung kann ich echt so hart sein, wie ich es keinem anderen zutrauen würde. Um mich dann hinterher natürlich gleich um Schadensbegrenzung zu kümmern.
    Ich habe gestern einen Bericht über Grenzen gelesen, der vermutlich völlig neutral geschrieben war, den ich aber als wahnsinnig schön und positiv empfunden habe, sogar als meine Wunschvorstellung zu dem Thema bezeichnen würde. Zeigt mir mal wieder, das ich zu dem Thema Grenzen und Abgrenzung noch viel Arbeit vor mir habe.
    Vielen Dank für die Anregungen und Unterstützungen!

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