Sellin-PorträtNoch mehr Motivation?

Manchmal erweisen Therapeuten und Coaches Hochsensiblen einen Bärendienst, wenn sie keine Ahnung davon haben, wie es in der Seele eines Hochsensiblen aussieht. Die Wirkungen von Sitzungen können dann nach hinten losgehen und Schaden anrichten – und das passiert gar nicht so selten. Gewöhnlich ist ihr Bemühen darauf ausgerichtet, die Motivation des Klienten zu stärken. Hochsensible reagieren darauf jedoch anders. Bei ihnen kann ein Mehr an Motivation, vor allem wenn es von anderen kommt, zur genau gegenteiligen Wirkung kommen, zum Blockieren, zum Resignieren oder gar zum Aufgeben.

Hochsensible sind von ihrem Wesen her bereits hoch motiviert. Wie in meinen beiden Büchern zur Hochsensibilität dargestellt („Wenn die Haut zu dünn ist…“ und „Mein Kind ist hochsensibel…“), stehen Hochsensible tendenziell in einem inneren Konflikt: Auf der einen Seite neigen sie dazu, sich zu überfordern durch ihr intensives Verlangen, mit allem was sie tun, Vollkommenheit erreichen zu wollen. Auf der anderen Seite steht nach dem Erleben, dass sie sich übernommen haben, und dem meist zwangsläufigen Scheitern ihres Strebens die Tendenz zur Unterforderung, die bei dem einen verbunden mit dem Wunsch, sich zu schonen, bei einem anderen mit Resignation und Lustlosigkeit, bei manchen vielleicht sogar verbunden mit Symptomen, zum Beispiel mit der Wiederkehr chronischer Beschwerden. Der Coach, der sich mit den Hochsensiblen nicht kompetent auskennt, treibt durch sein verfehltes zusätzliches Motivieren seinen Klienten geradewegs in den Absturz vom gutwilligen Streben in irgendeine Form von „Jetzt geht gar nichts mehr“. Dass ein Hochsensibler dann dennoch versucht, Leistungen gegen einen Widerstand zu erbringen, macht es noch anstrengender für ihn, der Energieaufwand kann erheblich sein, umso tiefer der Absturz. Erst wer seinen inneren Konflikt durchschaut, kann durch bewusstes Regulieren vermeiden, dass er sich durch ein Zuviel selbst so tief in die Phase der Unterforderung und Resignation manövriert.

Hochsensible Schüler als Opfer verfehlter Bemühungen von Schule und Elternhaus

Genauso ergeht es vielen hochsensiblen Schülern. Sie sind von ihrem Wesen her besonders willig, auch sie streben in aller Bescheidenheit Vollkommenheit an. Auch bei ihnen ist es genau das zusätzliche Motivieren, das dazu führen kann, dass ein auftretender Leistungsabfall, der meist selbst Folge von einem Zuviel an eigener Motivation oder äußerem Motivieren ist, noch weiter verstärkt wird, so dass es in der Folge zu Lernblockaden kommen kann. Tragisch ist, dass Eltern und Lehrern und leider auch manchen Psychologen gewöhnlich nichts Besseres einfällt, als darauf mit weiterem Antreiben und noch ernsterem Motivieren zu antworten. Ein Teufelskreis beginnt, verbunden mit dauerhaften Lernstörungen, mit Energiemangel und einem Leiden an der Schule. Im Extremfall kann die völlige Leistungsverweigerung des Schülers das Resultat sein.