Sellin-PorträtUnd wie wir uns damit selbst täuschen und verletzen

Davon können viele Hochsensible berichten: Häufig waren wir für Freunde da, als es ihnen nicht so gut ging. Wir hörten lange zu, stellten hilfreiche Fragen, wussten Rat und fanden die passenden Worte, um sie wieder aufzubauen. Doch als wir selbst einmal Rückhalt gebraucht hätten, griffen wir gerade bei den Freunden ins Leere, denen wir so viel Beistand geleistet hatten. Sie vermochten uns nicht geduldig zuzuhören, so wie wir ihnen zugehört hatten, sie konnten uns nicht einmal verstehen oder missverstanden uns so sehr, dass es uns verletzte. War die Situation an sich schon schwer genug für uns, so fügte uns die Erkenntnis, auch bei Freunden keinen Rückhalt zu finden, obendrein weiteren Schmerz zu.

Wie auf unsere Enttäuschung reagieren?

Wie geht man mit Freunden um, deren Reaktion uns enttäuscht hat? Kontaktabbruch verbietet sich von selbst. Nicht nur, dass Kontaktabbrüche unsere soziale Welt immer enger werden ließen und wir am Ende vielleicht ganz allein zurückblieben. Wichtiger ist, dass Kontaktabbrüche überhaupt nicht funktionieren! Wer einmal Teil unserer sozialen Verhältnisse war und mit unseren Erinnerungen verbunden ist, der bleibt auch weiterhin Teil unseres inneren Systems, wir können ihn nicht mit Absicht daraus löschen und vielleicht sogar vergessen. Wir bleiben also seelisch im Kontakt mit ihm, ob wir es wollen oder nicht, und durch den Schmerz vielleicht sogar noch intensiver. Möglich sind nur graduelle Veränderungen im Verhältnis. Zu dieser Person grenzen wir uns ein wenig stärker ab, wahren zu unserem Schutz etwas mehr Abstand. Vielleicht ist der Freund nun zu einem „alten Freund“ geworden, doch der Kontakt bleibt erhalten.

Eine falsche Annahme hat uns blind gemacht

Doch weiten wir unsere Wahrnehmung! Hinter der Täuschung steckte keine Absicht des anderen, er hat uns nicht täuschen wollen. Wir haben uns selbst getäuscht: Wir haben als Hochsensible von unserem Wesen auf das weniger sensibler Mitmenschen geschlossen. Wir nahmen an, sie wären ganz so wie wir. Doch wozu wir fähig sind, dazu sind es die anderen noch lange nicht und vor allem nicht in der erwünschten Intensität und Tiefe. Sie können nicht so gut zuhören wie wir, sie können sich in unsere Lage vielleicht nicht einmal hineinversetzen, sie finden nicht die passenden Gesten und Worte, sie wissen meist auch nicht die verändernden Fragen zu stellen. Sie denken sogar ein wenig anders. Deshalb haben sie uns vielleicht missverstanden und unsere Situation verkannt. Wie sollten sie da in der Lage sein, uns Auswege und Lösungen aufzuzeigen?

Dass sie sich dabei hilflos und überfordert fühlten, so dass sie uns lieber ausgewichen wären, ist also nachvollziehbar. Wäre es denn nicht an uns gewesen, all das zu erkennen? Schließlich sind wir den weniger Sensiblen auf dem Feld des Wahrnehmens und Verstehens überlegen. Doch was nützt uns die Begabung zur differenzierten Wahrnehmung, wenn wir selbst stillschweigend von den allgemein verbreiteten falschen Vorannahmen ausgehen, zum Beispiel von der, dass alle Menschen in gleichem Maße sensibel und begabt seien? Dann schränkt diese Vorstellung unsere Wahrnehmung ein und führt zur Selbsttäuschung und Enttäuschung.

Die Qualitäten der anderen sehen

Menschen, denen unsere Fähigkeiten fehlen, haben meist andere Stärken. Wäre es nicht sinnvoll, unsere hochsensible Wahrnehmung dafür einzusetzen, das zu erkennen und anzuerkennen? Oft sind weniger Sensible begabter, wenn es zum Beispiel darum geht, konkret zu werden und Aufgaben ganz praktisch anzugehen und auch durchzuziehen. Wenn wir ohne hinzuschauen von uns auf andere schließen, führt das nicht nur zu Enttäuschungen für uns und zu Missverständnissen, wir tun den anderen im Grunde unrecht, weil wir sie verkennen! Dann hat sich durch die eingeschränkte Wahrnehmung unsere Hochsensibilität in ihr Gegenteil verkehrt, so dass eigentlich wir es sind, die andere verletzen.

Zu sich stehen und wie das tatsächlich geht

Immer wieder haben mir andere Hochsensible von ähnlichen Enttäuschungen berichtet. Vertieft haben sie ihren Schmerz dadurch, dass sie selbst nicht in der Lage waren, ihre Fähigkeit, andere mit Verständnis und Rat zu unterstützen und aufzubauen, ihrer eigenen Person gegenüber anzuwenden. Sie vermochten es nicht, sich selbst zu helfen. So standen sie da, allein und ohne Rückhalt von anderen und mehr noch: sogar von sich selbst verlassen, und das ausgerechnet in einer Situation, in der sie Unterstützung am dringendsten gebraucht hätten. Früher ging es mir auch oft so. Deshalb habe ich – zunächst für mich – Methoden entwickelt, mit denen ich mir selbst spürbaren Rückhalt, Verständnis und Rat geben kann. In meinem Buch „Ins Herz getroffen. Selbsthilfe bei seelischen Verletzungen“ finden Sie unter anderem diese Methoden, mit denen Sie Ihre Begabung, anderen eine Stütze zu sein, endlich auch für sich selbst ganz konkret anwenden können.