Sellin-PorträtStatt noch mehr denken endlich auch ins Handeln kommen

Eine Beobachtung – aus dem Leben ebenso wie aus meinen Seminaren: Wenn es darum geht, sich auf ein Experiment einzulassen, neigen manche von uns Hochsensiblen dazu, lieber über das Problem und zum Beispiel die vorgestellte Methode nachzudenken, mit der das Problem gelöst werden kann, als sich auf das Ausprobieren der Technik einzulassen. Sie suchen lieber nach Hindernissen oder nach möglichen Ausnahmen als die Methode und ihre Wirkung überhaupt einmal kennenzulernen.

Dabei sind die Teilnehmer an meinen Seminaren hoch motiviert. Sie wollen lernen, bewusst und aktiv mit ihrer Wahrnehmung umzugehen, durch Zentrierung ihren energetischen Zustand zu verbessern und sich konstruktiv abzugrenzen. Sie haben zuvor zumindest mein erstes Buch „Wenn die Haut zu dünn ist…“ gelesen und sich ein Bild davon gemacht, worum es in den Seminaren geht und auf welchem gedanklichen Ansatz meine Methoden aufbauen.

Der Überlebensvorteil unserer hochsensiblen Vorfahren in der Steinzeit muss wohl darin gelegen haben, Gefahren und Hindernisse früher zu erkennen als andere. So konnten sie sich Bedrohungen schneller entziehen oder sich rechtzeitig mit Umsicht dagegen wappnen. Unsere Art der Wahrnehmung sucht geradezu nach Gefahren, aber auch nach Veränderungen und Gelegenheiten. Ähnlich unser Denken, es bezieht weitere Gesichtspunkte und Zusammenhänge ein und vernetzt weiter, es bezieht zum Beispiel Hindernisse und Gelegenheiten des Scheiterns mit ein, entdeckt schnell Defizite und Schwächen. Damit verknüpft ist unser ausgeprägter Sinn für Möglichkeiten und Alternativen. Wer sich dieser Tendenz nicht bewusst ist, der kann sich durch sein Durchdenken von allzu vielen Möglichkeiten auch den Zugang zur Welt verstellen, so dass er vor lauter Bedenken gar nicht erst ins Handeln kommt.

Gerade das lernt man bereits im ersten Grundseminar: bewusst wahrzunehmen. Das schließt auch mit ein, sich selbst annehmend wahrzunehmen und auch wahrzunehmen, aus welcher eigenen inneren Position man gerade wahrnimmt. Darüber hinaus wird erprobt, sich selbst ganz ohne Anstrengung in einen zentrierten Zustand zu bringen, in dem man zugleich auch ein wenig bodenständiger denkt und handlungsorientierter ist als gewöhnlich. Doch dafür braucht es den kleinen beherzten Schritt, das Neuland auch tatsächlich zu betreten und etwas noch nicht Bekanntes auszuprobieren. Doch keine Angst: Der schöne Sinn für das Mögliche und für das Denken in Alternativen geht uns dabei nicht verloren. Doch von da an können wir wählen, ob wir ab und zu für eine begrenzte Zeit auch einmal so handlungsorientiert und pragmatisch die Welt erleben wollen wie die Mehrheit der anderen, die meist schneller zu Topfe kommen als wir bisher.