Sellin-Porträt

Eine nur scheinbar harmlose Frage

Ein Teilnehmer einer Ausbildung am HSP-Institut war in einem Gespräch mit Lehrerkollegen über die Hochsensibilität gefragt worden, ob es sich bei der Hochsensibilität um etwas Wissenschaftliches oder um eine Modeerscheinung handele. Er wusste nicht recht darauf zu antworten und wandte sich an mich. Die Frage an ihn klingt zunächst seriös, als wäre der Fragesteller um Erkenntnis bemüht, doch schauen wir genauer hin:

Entweder-oder-Fragen lassen sich entweder ganz einfach beantworten, zum Beispiel ob es regnet oder nicht. Auf kompliziertere Sachverhalte passen sie in der Regel nicht. Zudem gerät ein Befragter bei Entweder-oder-Fragen allzu leicht in den Stresszustand, denn das verkürzte Denken im Stress „funktioniert“ in genau diesem Modus: Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse, Freund oder Feind. Der Teilnehmer war darüber hinaus in ein Dilemma geraten. Auf der einen Seite weiß er, dass „die Wissenschaft“ die Hochsensibilität längst noch nicht in den Kanon der von ihr allgemein anerkannten Phänomene aufgenommen hat. Es fehlen noch viele Forschungen darüber. Auf der anderen Seite kann er sie nicht als Modethema ansehen. Das auf gar keinen Fall, dagegen sprechen seine eigene Lebensgeschichte und die Erleichterung, als er erfuhr, dass nicht nur er so „gestrickt“ ist, und die vielen schrittweisen Verbesserungen, die er durch die Anwendung meiner Methoden erreicht hat. Andererseits fragt er sich, ob nicht tatsächlich einige Leute daraus so etwas wie ein Modethema machen. Mit dem Versuch einer Beantwortung war der Teilnehmer dann beschäftigt und leider auch blockiert, so wie es jedem ergeht, der sich in einem Dilemma befindet. Je länger er darüber nachdenkt, desto tiefer verhakt er sich darin.

Zunächst ist es für einen so Befragten wichtig, überhaupt zu erkennen, dass er sich in einem Dilemma befindet. Das gelingt ihm durch bewusstes Wahrnehmen, dadurch dass er Abstand zur Situation gewinnt und den Blick weitet. Auf diese Weise löst er auch ein Dilemma auf. Mein Modell dafür habe ich in dem Buch „Mein Kind ist hochsensibel – was tun?“ dargestellt und an drei Beispielen erläutert.

Wer zurücktritt und auf die Frage blickt, entlarvt die Fragestellung als im höchsten Maße manipulativ. Sie suggeriert, dass es nur diese beiden Möglichkeiten gibt: Wissenschaft oder Mode. Anderes scheint demnach nicht möglich zu sein. Sind diese Gegensätze überhaupt zwingend? Handelt es sich überhaupt um passende Alternativen, wenn es um menschliche Belange und persönliche Wesensart geht?

Und können Wissenschaften nicht auch einmal in Mode kommen? Gibt es innerhalb der Wissenschaft nicht vielleicht auch so etwas wie Wellen der Popularität und ihres Verebbens? Sind wissenschaftliche Erkenntnisse denn nicht auch Zeitströmungen unterworfen? Und hat das denn nicht auch etwas Gutes, zum Beispiel die weite Verbreitung von Erkenntnissen? Ist das etwa zu verwerfen? Wird eine wissenschaftliche Wahrheit nicht auch oft durch eine weitere Forschung in Frage gestellt und vielleicht sogar durch eine neuere abgelöst, obwohl die alte eben noch geradezu dogmatisch als einzige wissenschaftliche Erkenntnis vertreten wurde? Gibt es überhaupt „die Wissenschaft“? Bestehen nicht in der Regel sich widersprechenden Lehrmeinungen nebeneinander? Und sind die Hochsensiblen in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht von dem deutschen Professor für Psychiatrie Ernst Kretschmer als „sensitive Reaktionstypen“ klar und deutlich beschrieben worden?

Die Fragestellung legt darüber hinaus eine unterschwellige Bewertung nahe, die ebenso manipulativ ist: Wissenschaft, wird als seriös betrachtet und damit als gut, sie beschäftigt sich mit der Suche nach Wahrheit, Mode hingegen ist wechselhaft und nicht ganz ernst zu nehmen, obwohl sie als Ausdruck von Zeitströmungen doch auch ihre Berechtigung hat. Leicht lässt sie sich abtun, mit der nächsten Frühjahrskollektion hat sie sich sowieso erledigt.

In der Tat kann – wie jedes andere Thema auch – die Hochsensibilität zu einem Modethema verhunzt werden. Die Flut von Büchern, die keine neuen Erkenntnisse darstellen und keine neuen Wege aufzeigen, mit der Wesensart konstruktiv umzugehen und offenbar nur der Selbstdarstellung und zur Akquise von Klienten dienen, lässt darauf schließen, dass es Autoren gibt, die eine aktuelle Welle für sich nutzen wollen. Für einen Hochsensiblen ist seine Anlage allerdings alles andere als Mode. Er kann darunter leiden oder lernen, daraus einen Lebensvorteil zu machen!

Stellen wir die Frage einmal anders: Welche Konsequenzen hat es für Hochsensible und ganz besonders für hochsensible Kinder, wenn sie weiter in die falschen Diagnoseschubladen der landläufigen Psychologie gesteckt werden? Für Erwachsene bedeutet das häufig das Verstricken in Probleme, nicht so zu sein wie die weniger sensible Mehrheit, und den Versuch, sich ihnen anzupassen, das Absolvieren von Therapien, die dann doch nicht greifen. Für Kinder hat es häufig die Konsequenz, fälschlich unter ADS/ADHS eingeordnet zu werden mit der oft damit verbundenen lebenslangen Einnahme von Psychopharmaka – Anpassungsdrogen.

Es ist also Zeit, dass die Wissenschaft sich weitaus intensiver mit dem Thema beschäftigt, auch wenn das zugleich eine Infragestellung der wissenschaftlichen Untersuchungspraxis darstellen würde: War man doch bisher davon ausgegangen, dass alle Menschen in Untersuchungen und Versuchen ganz ähnlich und damit austauschbar reagieren, so zeigen Hochsensible plötzlich, dass sie dabei aus der Reihe tanzen! Und das hätte gravierende Auswirkungen auf die Fragestellung und Durchführung der Forschung und würde einige Ergebnisse auch nachträglich in Frage stellen.

Immer wieder begegne ich Menschen, und sei es nur in Bewertungen bei Amazon, die in keiner Weise sensibel oder gar hochsensibel sind, von sich auf uns schließen und uns verordnen wollen, wie wir die Welt erleben sollen und wie nicht. Ich empfehle allen Hochsensiblen, nicht noch einmal auf diesen Anpassungsdruck, der von ihnen ausgeht, reinzufallen wie vielleicht damals in der Kindheit, als wir versucht hatten, nicht so zu sein wie wir waren. Das hatte schließlich alles nur schlimmer gemacht.

Wie kann man sich gegen Manipulateure wehren, die solche Fragen stellen? Zunächst muss man erkennen, dass es sich um Manipulation handelt. Auch das gelingt nur durch bewusstes Wahrnehmen aus der Distanz. Und dann erkennt man auch, dass die zunächst so unscheinbare Frage nichts anderes ist als ein Angriff auf unser Wesen und unsere Existenz!

Ihr Rolf Sellin