ROLF SELLIN

Hochsensibel

Author: Kösel Verlag (page 2 of 2)

Ackergauchheil

Sellin-PorträtAb und zu werde ich von anderen Hochsensiblen oder auch von Zweiflern, die selbst nicht hochsensibel sind, gefragt, wann und woran ich es denn zum ersten Male gemerkt hätte, dass ich hochsensibel bin. Auch wenn mir der Begriff noch bis vor wenigen Jahren gefehlt hatte, habe ich schon früh erfahren, dass ich anderes und anders wahrnahm.

Ich muss vier oder höchstens fünf Jahre alt gewesen sein, da hatte ich mir in einer abgelegenen Ecke des großen Pfarrgartens ein ganz kleines Gärtchen angelegt. Im Straßengraben fand ich dafür die passenden Pflanzen. Eine klitzekleine unscheinbare Blume mit wunderschönen ziegelroten Blüten hatte es mir besonders angetan: Ackergauchheil. Die anderen Kinder aus dem Dorf konnten ihre Schönheit nicht erkennen und lachten mich aus. In ihren Augen handelte es sich um ein Unkraut, das sie ebenso wie meine anderen Pflänzchen ausrupfen wollten – so wie es sich ihrer Meinung nach gehörte. Ich stellte mich vor mein bescheidenes Gärtchen und verteidigte mein so perfekt schönes Blümlein. – Da war mir plötzlich bewusst, dass sie nicht alles sahen was ich erkennen konnte. Es gab also zusätzlich zu dem in der Welt, das die anderen wahrnahmen und selbstverständlich auch ich, noch Dinge in der Welt, zu denen ich Zugang hatte und die mich bewegten. In diesem Fall war es die unscheinbare Schönheit einer kleinen Pflanze, das andere Mal die verzweifelte Situation eines anderen Kindes oder Leid und Trauer eines Tieres.

Diese Erkenntnis tat weh, denn ich konnte weder die Freude über das eine noch das Leid über so viel anderes, mit den Spielkameraden teilen. Zugleich wusste ich, dass ich damit etwas besaß, das für mich sehr kostbar war. Noch heute bin ich darüber froh, dass ich mich schon damals im Garten dafür entschieden hatte, mir mein Gärtchen nicht zerstören zu lassen: Ich hatte mich vor mein Pflänzchen gestellt und es verteidigt!

Ihr Rolf Sellin

Hochsensible Kinder

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In seinem neuen Buch „Mein Kind ist hochsensibel – was tun?“ zeigt Rolf Sellin, wie Eltern, Erzieher und Lehrer gut mit hochsensiblen Kindern umgehen können. Er beschreibt die Besonderheiten und die spezielle Situation hochsensibler Kinder, um ein grundsätzliches Verständnis ihrer Wesensart zu wecken. Sein Ansatz ist es, eine Lösung für das alte Dilemma zu finden: einerseits Abhärten für die Welt und andererseits vergebliche Versuche, das Kind vor der Welt bewahren zu wollen. Die Lösung liegt darin, die Hochsensibilität als eigentliche Stärke des Kindes zu erkennen. Es gilt, die damit verbundenen Fähigkeiten zu erhalten und sie bewusst und konstruktiv zur Entfaltung einzusetzen. Denn ebenso wie für Erwachsene gilt für Kinder: Hochsensibilität wird erst dann zum Problem des Kindes, wenn seine Wesensart nicht angenommen wird und es versucht, nicht so zu sein, wie es ist oder seine sensible Wahrnehmung unterdrückt. Dann wird die Hochsensibilität zum Störfaktor im Leben. Dabei verstärken hochsensible Erwachsene, Eltern und Erzieher oftmals die Situation, wenn sie selbst versuchen, nicht hochsensibel zu sein. Vor allem dann, wenn sie etwas anderes leben als sie predigen und dadurch Doppelbotschaften geben. Oder wenn sie ständig zwischen der Abhärtung und dem Überbehüten hin- und herschwanken und nicht in der Lage sind, klare Grenzen zu setzen. Sellins Buch ist deshalb auch ein Buch über hochsensible Erwachsene, die ihre eigene Kindheit besser verstehen und verarbeiten wollen, damit sie ihre Sensibilität konstruktiv vorleben können und eigene Vertracktheiten nicht an die nächste Generation weitergeben.

Posaunenengel im Landeanflug

Sellin-Porträt

Für den Flug von Rom nach Stuttgart habe ich mir einen Gangplatz reservieren lassen. In der Reihe auf der anderen Seite des Ganges sitzt eine Familie: der ein wenig zur Beleibtheit neigende Vater, sein kleiner Sohn, vielleicht knapp drei Jahre alt, der ihm unverkennbar nachkommt, am Fester die Mutter. Mit ihrem besorgten Gesichtsausdruck und ihrer betonten Fürsorglichkeit und ihren Reaktionen auf alle Regungen des Kleinen erinnert sie mich an viele meiner hochsensiblen Seminarteilnehmerinnen. Der Kleine genießt das Abenteuer des Fluges und die Aufmerksamkeit seiner Eltern und vor allem die der Stewardess, die ihm ein kleines Spielzeugflugzeug und Kekse bringt: Er strahlt wie ein Posaunenengelchen in einem rosa und hellblau ausgemalten Barockhimmel.

Wir nähern uns Stuttgart und fliegen allmählich tiefer. Das Starten hatte dem Kleinen noch gefallen, doch jetzt wird er unruhig da und bekommt Angst, er beginnt zu weinen. Vielleicht spürt er den Druckabfall in seinen Ohren. Sein Weinen wird lauter, seine Mutter reagiert bekümmert und hilflos. Sie versucht ihn zum Schweigen zu bringen und redet auf ihn ein, doch Ruhe zu geben, damit er nicht die anderen Fluggäste stört. Der Vater übertönt sie: Er wäre doch schon ein großer Junge und solle das Weinen lassen. Jetzt kommt die Mutter mit Argumenten, dass doch alles in Ordnung wäre. Der Vater verspricht ihm eine Belohnung, wenn er endlich aufhört und Ruhe gibt, und versucht, ihn damit abzulenken. Beide Eltern verstärken ihre Bemühungen und reden gleichzeitig auf ihn ein. Vergeblich, Angst, Unruhe und Weinen werden stärker.

Wie einfach wäre alles gewesen: Wenn Vater oder Mutter ihren kleinen Trompetenengel einfach in die Arme genommen hätten. Wenn sie ihm seine Unsicherheit und sein Weinen zugestanden hätten. Wenn sie einfach nur ruhig dagewesen wären für ihn. Wenn er bei ihnen Rückhalt und Geborgenheit hätte spüren können. Wenn sich ihre eigene Besorgtheit nicht mit der Angst des Kleinen aufgeschaukelt hätte! Wie so viele Eltern, die den Ängsten ihrer Kinder mit Argumenten oder Aktionismus begegnen, haben sie ihr aus dem Himmel fallendes Engelchen nicht auffangen können. Und so geht es in vielen Familien von Hochsensiblen!

Was hätten Sie sich damals als Kind gewünscht? Was hätte Sie beruhigt? – Sind Sie in der Lage, sich genau das heute selbst zu geben?

Ihr Rolf Sellin

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