ROLF SELLIN

Hochsensibel

Author: Kösel Verlag

Lieber denken als handeln

Sellin-PorträtStatt noch mehr denken endlich auch ins Handeln kommen

Eine Beobachtung – aus dem Leben ebenso wie aus meinen Seminaren: Wenn es darum geht, sich auf ein Experiment einzulassen, neigen manche von uns Hochsensiblen dazu, lieber über das Problem und zum Beispiel die vorgestellte Methode nachzudenken, mit der das Problem gelöst werden kann, als sich auf das Ausprobieren der Technik einzulassen. Sie suchen lieber nach Hindernissen oder nach möglichen Ausnahmen als die Methode und ihre Wirkung überhaupt einmal kennenzulernen.

Dabei sind die Teilnehmer an meinen Seminaren hoch motiviert. Sie wollen lernen, bewusst und aktiv mit ihrer Wahrnehmung umzugehen, durch Zentrierung ihren energetischen Zustand zu verbessern und sich konstruktiv abzugrenzen. Sie haben zuvor zumindest mein erstes Buch „Wenn die Haut zu dünn ist…“ gelesen und sich ein Bild davon gemacht, worum es in den Seminaren geht und auf welchem gedanklichen Ansatz meine Methoden aufbauen.

Der Überlebensvorteil unserer hochsensiblen Vorfahren in der Steinzeit muss wohl darin gelegen haben, Gefahren und Hindernisse früher zu erkennen als andere. So konnten sie sich Bedrohungen schneller entziehen oder sich rechtzeitig mit Umsicht dagegen wappnen. Unsere Art der Wahrnehmung sucht geradezu nach Gefahren, aber auch nach Veränderungen und Gelegenheiten. Ähnlich unser Denken, es bezieht weitere Gesichtspunkte und Zusammenhänge ein und vernetzt weiter, es bezieht zum Beispiel Hindernisse und Gelegenheiten des Scheiterns mit ein, entdeckt schnell Defizite und Schwächen. Damit verknüpft ist unser ausgeprägter Sinn für Möglichkeiten und Alternativen. Wer sich dieser Tendenz nicht bewusst ist, der kann sich durch sein Durchdenken von allzu vielen Möglichkeiten auch den Zugang zur Welt verstellen, so dass er vor lauter Bedenken gar nicht erst ins Handeln kommt.

Gerade das lernt man bereits im ersten Grundseminar: bewusst wahrzunehmen. Das schließt auch mit ein, sich selbst annehmend wahrzunehmen und auch wahrzunehmen, aus welcher eigenen inneren Position man gerade wahrnimmt. Darüber hinaus wird erprobt, sich selbst ganz ohne Anstrengung in einen zentrierten Zustand zu bringen, in dem man zugleich auch ein wenig bodenständiger denkt und handlungsorientierter ist als gewöhnlich. Doch dafür braucht es den kleinen beherzten Schritt, das Neuland auch tatsächlich zu betreten und etwas noch nicht Bekanntes auszuprobieren. Doch keine Angst: Der schöne Sinn für das Mögliche und für das Denken in Alternativen geht uns dabei nicht verloren. Doch von da an können wir wählen, ob wir ab und zu für eine begrenzte Zeit auch einmal so handlungsorientiert und pragmatisch die Welt erleben wollen wie die Mehrheit der anderen, die meist schneller zu Topfe kommen als wir bisher.

 

Ein kleiner Zettel für den Fall der Fälle

Sellin-PorträtManchmal haben wir uns damals als Schüler an einem klitzekleinen Zettel festgehalten. Bei uns im Norden nannten wir ihn Schummelzettel, im Süden heißt er Spickzettel. Manchmal war er sogar ganz papierlos: ein paar Formeln vor der Mathearbeit in die Handfläche geschrieben. Übrigens wurde er manchmal nicht einmal benutzt, er gab dem Schüler trotzdem ein Gefühl der Sicherheit, falls er vor lauter Prüfungsangst einmal vergessen haben sollte, was er zuvor gelernt hatte. Im Grunde war der Spickzettel sogar so etwas wie eine Form von Selbstvergewisserung zur Stressprophylaxe.

Geht es Ihnen auch so, dass Sie manchmal vergessen haben, was Sie alles wissen? Ich meine nicht mathematische Formeln oder schwierige Vokabeln. Ich meine, was Sie alles gelernt haben oder selbst erkannt und sich erarbeitet haben, und das Ihnen in Notfällen, in Krisen oder bei Stress helfen könnte, wenn Sie es tatsächlich brauchen. Denn zum Beispiel im Stress fallen Ihnen ausgerechnet alle die schönen Methoden zum Stressabbau nicht ein, weil Ihr Gehirn dann anders arbeitet als im Normalzustand! Erst später, wenn der Stress vorbei ist, wissen Sie es wieder, womit Sie Ihre Situation hätten verbessern können.

Wie wäre es damit, sich einen Spickzettel zu schreiben, auf dem all die hilfreichen Methoden kurz und stichwortartig erwähnt werden. Vielleicht brauchen Sie das kleine Stück Papier sogar in dreifacher Ausfertigung: einen für die Schreibtischschublade mit den persönlichen Habseligkeiten am Arbeitsplatz, noch einen für den Medizinschrank mit den Kopfschmerztabletten und einen dritten für das Fach, in dem Sie die Schokolade oder den Cognac für die besonderen Situationen des Lebens deponieren. Dann hätten Sie nicht nur wirksame Methoden parat, sondern zu Pillen, Kalorien oder Promille obendrein noch eine Alternative!

Und noch etwas: So ein Zettel wird mit der Zeit sogar immer wertvoller. Er erinnert Sie auch daran, mit welchen Methoden Sie sich in welchen heiklen Situationen schon einmal selbst wirksam geholfen haben.

 

 

Von uns auf andere schließen

Sellin-PorträtUnd wie wir uns damit selbst täuschen und verletzen

Davon können viele Hochsensible berichten: Häufig waren wir für Freunde da, als es ihnen nicht so gut ging. Wir hörten lange zu, stellten hilfreiche Fragen, wussten Rat und fanden die passenden Worte, um sie wieder aufzubauen. Doch als wir selbst einmal Rückhalt gebraucht hätten, griffen wir gerade bei den Freunden ins Leere, denen wir so viel Beistand geleistet hatten. Sie vermochten uns nicht geduldig zuzuhören, so wie wir ihnen zugehört hatten, sie konnten uns nicht einmal verstehen oder missverstanden uns so sehr, dass es uns verletzte. War die Situation an sich schon schwer genug für uns, so fügte uns die Erkenntnis, auch bei Freunden keinen Rückhalt zu finden, obendrein weiteren Schmerz zu.

Wie auf unsere Enttäuschung reagieren?

Wie geht man mit Freunden um, deren Reaktion uns enttäuscht hat? Kontaktabbruch verbietet sich von selbst. Nicht nur, dass Kontaktabbrüche unsere soziale Welt immer enger werden ließen und wir am Ende vielleicht ganz allein zurückblieben. Wichtiger ist, dass Kontaktabbrüche überhaupt nicht funktionieren! Wer einmal Teil unserer sozialen Verhältnisse war und mit unseren Erinnerungen verbunden ist, der bleibt auch weiterhin Teil unseres inneren Systems, wir können ihn nicht mit Absicht daraus löschen und vielleicht sogar vergessen. Wir bleiben also seelisch im Kontakt mit ihm, ob wir es wollen oder nicht, und durch den Schmerz vielleicht sogar noch intensiver. Möglich sind nur graduelle Veränderungen im Verhältnis. Zu dieser Person grenzen wir uns ein wenig stärker ab, wahren zu unserem Schutz etwas mehr Abstand. Vielleicht ist der Freund nun zu einem „alten Freund“ geworden, doch der Kontakt bleibt erhalten.

Eine falsche Annahme hat uns blind gemacht

Doch weiten wir unsere Wahrnehmung! Hinter der Täuschung steckte keine Absicht des anderen, er hat uns nicht täuschen wollen. Wir haben uns selbst getäuscht: Wir haben als Hochsensible von unserem Wesen auf das weniger sensibler Mitmenschen geschlossen. Wir nahmen an, sie wären ganz so wie wir. Doch wozu wir fähig sind, dazu sind es die anderen noch lange nicht und vor allem nicht in der erwünschten Intensität und Tiefe. Sie können nicht so gut zuhören wie wir, sie können sich in unsere Lage vielleicht nicht einmal hineinversetzen, sie finden nicht die passenden Gesten und Worte, sie wissen meist auch nicht die verändernden Fragen zu stellen. Sie denken sogar ein wenig anders. Deshalb haben sie uns vielleicht missverstanden und unsere Situation verkannt. Wie sollten sie da in der Lage sein, uns Auswege und Lösungen aufzuzeigen?

Dass sie sich dabei hilflos und überfordert fühlten, so dass sie uns lieber ausgewichen wären, ist also nachvollziehbar. Wäre es denn nicht an uns gewesen, all das zu erkennen? Schließlich sind wir den weniger Sensiblen auf dem Feld des Wahrnehmens und Verstehens überlegen. Doch was nützt uns die Begabung zur differenzierten Wahrnehmung, wenn wir selbst stillschweigend von den allgemein verbreiteten falschen Vorannahmen ausgehen, zum Beispiel von der, dass alle Menschen in gleichem Maße sensibel und begabt seien? Dann schränkt diese Vorstellung unsere Wahrnehmung ein und führt zur Selbsttäuschung und Enttäuschung.

Die Qualitäten der anderen sehen

Menschen, denen unsere Fähigkeiten fehlen, haben meist andere Stärken. Wäre es nicht sinnvoll, unsere hochsensible Wahrnehmung dafür einzusetzen, das zu erkennen und anzuerkennen? Oft sind weniger Sensible begabter, wenn es zum Beispiel darum geht, konkret zu werden und Aufgaben ganz praktisch anzugehen und auch durchzuziehen. Wenn wir ohne hinzuschauen von uns auf andere schließen, führt das nicht nur zu Enttäuschungen für uns und zu Missverständnissen, wir tun den anderen im Grunde unrecht, weil wir sie verkennen! Dann hat sich durch die eingeschränkte Wahrnehmung unsere Hochsensibilität in ihr Gegenteil verkehrt, so dass eigentlich wir es sind, die andere verletzen.

Zu sich stehen und wie das tatsächlich geht

Immer wieder haben mir andere Hochsensible von ähnlichen Enttäuschungen berichtet. Vertieft haben sie ihren Schmerz dadurch, dass sie selbst nicht in der Lage waren, ihre Fähigkeit, andere mit Verständnis und Rat zu unterstützen und aufzubauen, ihrer eigenen Person gegenüber anzuwenden. Sie vermochten es nicht, sich selbst zu helfen. So standen sie da, allein und ohne Rückhalt von anderen und mehr noch: sogar von sich selbst verlassen, und das ausgerechnet in einer Situation, in der sie Unterstützung am dringendsten gebraucht hätten. Früher ging es mir auch oft so. Deshalb habe ich – zunächst für mich – Methoden entwickelt, mit denen ich mir selbst spürbaren Rückhalt, Verständnis und Rat geben kann. In meinem Buch „Ins Herz getroffen. Selbsthilfe bei seelischen Verletzungen“ finden Sie unter anderem diese Methoden, mit denen Sie Ihre Begabung, anderen eine Stütze zu sein, endlich auch für sich selbst ganz konkret anwenden können.

 

 

Hochsensible motivieren

Sellin-PorträtNoch mehr Motivation?

Manchmal erweisen Therapeuten und Coaches Hochsensiblen einen Bärendienst, wenn sie keine Ahnung davon haben, wie es in der Seele eines Hochsensiblen aussieht. Die Wirkungen von Sitzungen können dann nach hinten losgehen und Schaden anrichten – und das passiert gar nicht so selten. Gewöhnlich ist ihr Bemühen darauf ausgerichtet, die Motivation des Klienten zu stärken. Hochsensible reagieren darauf jedoch anders. Bei ihnen kann ein Mehr an Motivation, vor allem wenn es von anderen kommt, zur genau gegenteiligen Wirkung kommen, zum Blockieren, zum Resignieren oder gar zum Aufgeben.

Hochsensible sind von ihrem Wesen her bereits hoch motiviert. Wie in meinen beiden Büchern zur Hochsensibilität dargestellt („Wenn die Haut zu dünn ist…“ und „Mein Kind ist hochsensibel…“), stehen Hochsensible tendenziell in einem inneren Konflikt: Auf der einen Seite neigen sie dazu, sich zu überfordern durch ihr intensives Verlangen, mit allem was sie tun, Vollkommenheit erreichen zu wollen. Auf der anderen Seite steht nach dem Erleben, dass sie sich übernommen haben, und dem meist zwangsläufigen Scheitern ihres Strebens die Tendenz zur Unterforderung, die bei dem einen verbunden mit dem Wunsch, sich zu schonen, bei einem anderen mit Resignation und Lustlosigkeit, bei manchen vielleicht sogar verbunden mit Symptomen, zum Beispiel mit der Wiederkehr chronischer Beschwerden. Der Coach, der sich mit den Hochsensiblen nicht kompetent auskennt, treibt durch sein verfehltes zusätzliches Motivieren seinen Klienten geradewegs in den Absturz vom gutwilligen Streben in irgendeine Form von „Jetzt geht gar nichts mehr“. Dass ein Hochsensibler dann dennoch versucht, Leistungen gegen einen Widerstand zu erbringen, macht es noch anstrengender für ihn, der Energieaufwand kann erheblich sein, umso tiefer der Absturz. Erst wer seinen inneren Konflikt durchschaut, kann durch bewusstes Regulieren vermeiden, dass er sich durch ein Zuviel selbst so tief in die Phase der Unterforderung und Resignation manövriert.

Hochsensible Schüler als Opfer verfehlter Bemühungen von Schule und Elternhaus

Genauso ergeht es vielen hochsensiblen Schülern. Sie sind von ihrem Wesen her besonders willig, auch sie streben in aller Bescheidenheit Vollkommenheit an. Auch bei ihnen ist es genau das zusätzliche Motivieren, das dazu führen kann, dass ein auftretender Leistungsabfall, der meist selbst Folge von einem Zuviel an eigener Motivation oder äußerem Motivieren ist, noch weiter verstärkt wird, so dass es in der Folge zu Lernblockaden kommen kann. Tragisch ist, dass Eltern und Lehrern und leider auch manchen Psychologen gewöhnlich nichts Besseres einfällt, als darauf mit weiterem Antreiben und noch ernsterem Motivieren zu antworten. Ein Teufelskreis beginnt, verbunden mit dauerhaften Lernstörungen, mit Energiemangel und einem Leiden an der Schule. Im Extremfall kann die völlige Leistungsverweigerung des Schülers das Resultat sein.

 

Was ein Hochsensibler nicht ist

Sellin-PorträtAntwort 1 – Über die Grenzen kommen

Die Antwort auf die Frage einer Leserin, was ein Hochsensibler denn nicht sei, ist vertrackter als es auf den ersten Moment scheint. Hochsensible, könnte man denken, sind all das nicht: zum Beispiel unsensibel, hart und rücksichtslos, brutal und kalt – kurz was man mit dem Begriff Hochsensibilität nicht in Verbindung bringt und was ein Hochsensibler mit Sicherheit auch nicht sein möchte. Doch ein Hochsensibler kann auch all das sein und noch viel mehr. Es gibt eigentlich keine Eigenschaft, die er nicht auch haben, und kein Verhalten, das er nicht auch an den Tag legen könnte.
Wahrnehmungsfähigkeit ist nur ein Kriterium von vielen, unter denen man Menschen betrachten kann. Hochsensibilität ist nur deshalb plötzlich so wichtig geworden und in ein breiteres öffentliches Interesse gerückt, weil sie sich bei der zunehmenden Reizüberflutung schnell von einem Überlebensvorteil in ein Handikap entwickeln kann. Wir Hochsensiblen müssen erst noch lernen, unter diesen verschärften Bedingungen mit unserer Wahrnehmung angemessen umzugehen. Die meisten von uns sind dazu noch nicht in der Lage. Und so kann es allzu leicht passieren, dass ein überreizter Hochsensibler sich eben nicht hochsensibel verhält.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob ein Hochsensibler als Kind so sein durfte wie er ist oder ob er den Satz „Sei doch nicht so sensibel!“ zu hören bekam. Die meisten von uns haben eben daraufhin gewissermaßen einen Knoten in ihre Wahrnehmung gemacht. Genau damit nahm ihre problematische Entwicklung ihren Ausgang. Ich habe sie beobachtet, erkannt und erstmals beschrieben in meinem Buch „Wenn die Haut zu dünn ist. Hochsensibilität – vom Manko zum Plus“. Die drastischen Folgen: Verlust der Wahrnehmung des eigenen Körpers, der erst dann gespürt wird, wenn es zu spät ist und er sich nur noch störend zum Beispiel mit Schmerzen und Symptomen bemerkbar macht, die Unterschätzung oder Überschätzung der eigenen Kraft, der ständige Energieverlust durch dauernde Orientierung an anderen, die Missachtung der eigenen Grenzen, die zur Selbstüberforderung führt und weiter darüber hinaus in die Schonhaltung, deren Folge dann wiederum die Überforderung ist… Ebenso das zu späte Bemerken von Grenzverletzungen durch andere mit der Konsequenz ständiger Konflikte oder der Resignation im Rückzug. Die Wirkung dieser verfehlten Anpassung geht sogar noch weiter, bis hinein ins endlose und folgenlose Denken, in die Unfähigkeit, sich zu entscheiden, und in das zu späte Einnehmen der eigenen Position im Leben. Nicht zu vergessen die Verunsicherung des Selbstwerts dadurch, dass die eigene Person gewissermaßen durch die Augen des jeweiligen Gegenübers wahrgenommen wird.
Immer wenn ein Hochsensibler, der sich so angepasst hat, seine zuvor nicht wahrgenommenen Grenzen weit überschritten hat oder wenn die Balance zwischen Geben und Nehmen allzu sehr ins Ungleichgewicht gekommen ist, gerät sein sonst so sensibles Verhalten ins „Kippen“: Aus seiner Rücksicht wird plötzlich Rücksichtslosigkeit, aus seinem Verstehen von allen und allem wird dann bares Unverständnis, aus Nachsicht Intoleranz, aus Nachgiebigkeit unerwartete Härte.
So unsensibel wie ein überforderter und enttäuschter Hochsensibler, der weit über seine Grenze gekommen ist, kann sich selbst ein völlig unsensibler Mitmensch kaum verhalten!

Antwort 2 – Immer noch auf die Frage, was denn ein Hochsensibler nicht ist:

Immer wieder kommt es darauf an, wie ein Hochsensibler, der sich früh nach dem Satz „Sei nicht so sensibel!“ ausgerichtet hat, mit seiner Wesensart umgegangen ist. Wenn er auf sein Leben zurückblickt, wird er wahrscheinlich Phasen ganz gegensätzlicher Einstellungen sich selbst gegenüber erkennen können, längere und auch ganz kurze. Vielleicht wird ihm sogar ein Umschalten von einer Minute zur anderen auffallen, auch wenn er stets dieselbe Person war. Da war er auf einem Gebiet so hochsensibel wie er geschaffen ist, vielleicht wenn er mit Hund und Katze allein war, am Klavier saß oder ein Buch las. Kamen andere hinzu, reagierte er plötzlich wieder anders, oft so wie sie. Manchmal war er dann auch unsensibel – zum Beispiel im Beruf – oder gar raubeinig – vielleicht beim Sport. Bei dem einen oder anderen gab es sogar Momente, in denen er so übertrieben sensibel und überreizt reagiert hat, dass sein Verhalten anderen gegenüber ganz unsensibel war. Sehr oft hat sich die eigene Hochsensibilität so ausgewirkt, dass es ganz leicht fiel, sich an anderen auszurichten, an dem was bei ihnen gefragt und angesagt war und was nicht, sich ihnen anzugleichen und sich selbst dabei zu übergehen.

In unterschiedlichen Situationen anders sein und anders wahrnehmen

Wie entscheidend der soziale Zusammenhang die eigene Wahrnehmung eines Hochsensiblen beeinflussen kann, zeigt das Beispiel einer früheren Klientin: Wenn sie allein in ihrer Wohnung war, störte sie ein ganz leises eindringliches Pfeifen der Heizung. Sie rief den Hauswirt und einen Heizungsfachmann hinzu, doch in ihrer Gegenwart konnte auch sie so wie die beiden anderen den Pfeifton nicht hören. Als sie wieder allein war, hörte sie ihn jedoch genauso eindringlich wie zuvor. Bei einem erneuten Treffen mit Hauswirt und Installateur, glich sie sich ihnen wiederum so an, dass sie das feine Geräusch, das sie sonst bis in ihren Schlaf gestört hatte, abermals nicht hören konnte. Der Pfeifton stellte sich jedoch sogleich wieder ein, als sie allein zurückblieb.

Zugang zu so vielen Möglichkeiten

Das ist es ja gerade: Ein Hochsensibler kann nahezu alles „sein“ in unterschiedlichen Situationen, nacheinander und fast sogar zeitgleich. Er kann sich wie sonst kaum ein anderer Mensch in andere hineinversetzen, sie von innen heraus verstehen und sich ihnen angleichen. Viele Schauspieler sind Hochsensible, und viele Hochsensible Schauspieler, allerdings ohne es zu wissen. Und versuchen sie dann einmal umzuschalten auf „authentisch“, um ganz „sie selbst“ zu sein, dann sind sie allerdings immer noch nicht bei „sich“ angekommen, so wie sie es glauben. Sie leben damit auch nur wieder eine weitere Möglichkeit von sich. Wir sind immer wir selbst, ob es uns nun gefällt oder nicht. Dann wenn wir uns wie von selbst anpassen, ebenso wie in den Momenten, in denen wir uns innerlich dagegen auflehnen und uns plötzlich so besonders und angestrengt eigenwillig, fast widerborstig verhalten. Wenn wir uns ehrlich und vorbehaltlos wahrnehmen, können wir erkennen, dass wir Hochsensiblen über ein weites Feld an Möglichkeiten in uns tragen. Wir sind nicht das eine oder das andere, sondern beides und noch viel mehr.

Kaum Übergänge

Doch dabei fällt eines auf: Solange ein Hochsensibler, der sich nach dem Motto „Sei nicht so sensibel!“ angepasst hat, noch nicht gelernt hat, mit seiner Wahrnehmung bewusst umzugehen, verfügt er zwischen seinen so radikal unterschiedlichen Zuständen und Verhaltensweisen über keine Übergänge, nur über ein abruptes Umschalten von dem einen Pol zum anderen wie bei einem Kippschalter. Während jedoch das Zurückrutschen von dem angeblichen „authentisch Sein“ zum „Mitschwimmen“ kaum auffällt, wirkt das plötzliche Umschalten des Kippschalters von der geläufigen Angleichung auf Eigenständigkeit auf andere übertrieben und zickig, manchmal sogar verletzend. Erst der bewusste Umgang mit der Wahrnehmung und die Selbstregulation ermöglichen es, feine Übergänge zu schaffen.

Vom Kippschalter zum Dimmer

Durch das allmähliche Schaffen von Übergängen zwischen den extremen Positionen wird gewissermaßen der Kippschalter allmählich zum Dimmer erweitert. Zugleich entdeckt der Hochsensible, dass er es selbst in der Hand hat, auch die weiten Bereiche zwischen seinen Extremen zu nutzen und sich bewusst und ganz differenziert auf jede Situation einzustellen. War er zuvor bestimmt von den äußeren Reizen, auf die er nur reagiert hat, indem er von einem Extrem zum anderen hin- und hergependelt ist, so kann er nun differenziert die ganze Bandbreite dazwischen nutzen. – Auch wegen dieser Fülle seiner Möglichkeiten ist es nicht möglich, zu definieren was ein Hochsensibler nicht ist.

 

 

 

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© Verlagsgruppe Random House GmbH | Kontakt | Impressum | Letzte Änderung: 16.03.17